Von Charlotte Weidler

Als Beauftragte des Carnegie – Institutes, Pittsburgh, USA, hat Charlotte Weidler Deutschland besucht, um 30 deutsche Maler einzuladen, die sich – zum ersten Male seit zehn Jahren wieder – an der Internationalen Ausstellung des Instituts beteiligen werden.

Die Berliner Künstler sind in der Bundeshauptstadt Bonn zu Gast, und eine Ausstellung unter dem Patronat der Oberbürgermeister beider Städte, Professor Ernst Reuter und Dr. Peter Stockhausen, legt Zeugnis ab von ihrem Schaffen. Diese Ausstellung ist ein Appell an den Westen, ein Appell, der verdient gehört zu werden. Berlin will den Kontakt mit dem Westen lebendig erhalten, es hofft auf das Verständnis derer, die „draußen“ leben. Sie sollten es sehen und als eine Mahnung verstehen, wie entschlossen Berlin täglich kämpft und mit welcher Energie es sich gegen den Einbruch des Ostens zur Wehr setzt.

Meine große Bewunderung Berlins, mein Respekt vor der Haltung aller Berliner stammt aus mehreren Besuchen in der letzten Zeit. Ich fand dort eine entschiedene Haltung, eine unpathetische Würde wie sie in der Welt selten anzutreffen ist. Ich fand aber auch etwas anderes: ein schönes Beispiel amerikanisch-deutscher Freundschaft. So geht auch die Initiative für diese Ausstellung von Mrs. Helen McKnight aus. Dank ihrer Begeisterung für moderne Kunst gelang es ihr, die Künstler Berlins um sich zu sammeln. Ihr Haus, in dem Bilder ihrer Berliner Künstlerfreunde hängen, ist ein internationaler Treffpunkt. Hier bilden Amerikaner und Deutsche die Berliner Gruppe „Prolog“. An einem der lebhaften Diskussionsabende in diesem Hause sagte sie einmal die schönen Worte: We Americans here are all enthusiastic Berliners!

Drei Generationen und drei Tendenzen der Gegenwart: Expressionismus, Surrealismus und abstrakte Gestaltung sind auf dieser Bonner Ausstellung vertreten. Die Meister sondern sich sofort ab. Schmidt-Rottluff, Hofer, die Sintenjs, Scheibe sind heute schon die Klassiker der modernen Kunst. Die Wand, an der die großartigen Schmidt-Rottluffs aus drei verschiedenen Perioden hängen, regt am meisten zum Nachdenken an. Das früheste Bild „Pflanzzeit“ stammt aus der Blütezeit der „Brücke“, 1926. Das „Stilleben mit weißer Vase“ entstand im Jahre 1939, also im geheimen, als dem Maler jegliche künstlerische Arbeit verboten war; ein drittes Bild „Schneelandschaft“ entstammt der letzten Zeit. So werden diese drei Bilder zu einem Symbol für Berlin: die große künstlerische Epoche vor 1933, den Widerstand gegen die Unterdrückung und die heutige Haltung. Psychologisch sagen Carl Hofers Bilder wohl am meisten über die gegenwärtige Isolierung und das Schicksal der vergangenen Jahre aus. Seine Figuren haben den Blick nach innen gewandt, finden alle Stärke in sich selbst, in abstrakter philosophischer Gedankenwelt, in mönchischer Vertiefung. Es sind keine Menschen aus dem Diesseits, sie ha ben den beide Welten trennenden Styx überschritten. Max Kaus setzt die große Tradition seiner Lehrmeister, der Brückekünstler, fort und wächst mit dem „Stilleben“ und dem empfindsamen Frauenbildnis immer mehr in die modernen Probleme und in eigenen Ausdruck hinein. Das lebhafteste Interesse der Besucher konzentriert sich auf die „Luftbrücke“ von Hans Jaenisch, der entschieden der begabteste Kolorist der jüngeren Generation ist. Dieses Bild fesselt durch die Umwandlung eines aktuellen Ereignisses in die Form semiabstrakter Kunst, die Übersetzung der Technik in Romantik. Die erkennbar bleibenden Flugzeuge werden zu rhythmisch wiederholten, scharf in den Raum vorstoßenden spitzen Formen und verdichten sich zu einem Gleichnis für den „Kampf um Berlin“. – Ohne jeden Zweifel ist Theodor Werner einer der bedeutendsten abstrakten Maler Deutschlands. Er formt die von Klee, Kandinsky, Juan Gris, Braque, Picasso begründete Tradition souverän zu eigener Sprache um, setzt fort und besitzt die glückliche Gabe, die sonst so verschiedenartigen deutschen und französischen Elemente zu vereinen. Seine Bilder sind zugleich logisch und dynamisch. Die starke Musikalität seiner Farbklänge und die Beherrschung des malerischen Handwerks lassen die Betrachtung dieser Arbeiten zu einer Freude werden.

Unter den Bildhauern besteht zwischen der älteren und jüngeren Generation keine Brücke. Die älteren wie Scheibe und die Sintenis bilden eine Welt für sich. Die Jugend – Heiliger, Härtung und Uhlmann – geht andere Wege. Sie setzt leider auch nicht die Tradition Lehmbrucks fort. Ihre Anregungen kommen von Henry Moore und Alexander Calder. Man möchte Heiliger für die Monumentalität seiner Plastiken öffentliche Aufträge wünschen, denn genau wie bei Moore werden sie erst im weiten Raum der Natur zu ihrer eigentlichen Wirkung kommen. – Neben energisch geschriebenen Zeichnungen, die den architektonischen Bau der menschlichen Figur betonen, stehen Hartungs interessante Figuren: aus zyklopischen Formen entwickelt oder, wie die sehr reizvolle „Scheibe“ aus Bronze, augenscheinlich der Philosophie Chinas entsprungen. Uhlmann stößt mit seinen Eisendrahtplastiken raketenartig in den Raum vor. – Die Kleinplastiken der Renée Sintenis aber, deren Grazilität und Eleganz man immer wieder mit Genuß erlebt, sind wie alte treue Freunde: wie klassisch schön und edel auch das „Selbstbildnis“!

Aus verständlichen Gründen haben manche Künstler Berlin verlassen und leben verstreut im Reich. Aber eine Gruppe, stark und bedeutend genug, Berlin würdig zu vertreten, hat der Stadt die Treue bewahrt. Trotz größter Bedrängnis – infolge der wirtschaftlichen Not hat Berlin kaum noch Sammler oder Käufer – widerstehen sie den Verlockungen des Ostens und bewahren sich die Freiheit des geistigen Schaffens. Sie hoffen, daß auch der Westen einmal als Gast nach Berlin kommt und dort seine Arbeit zeigt.