Von unserem Sonderberichterstatter

p. w. Essen, im August

Ttransparente, Fahnen, Posaunenchöre und Ministerreden, dazu eine unübersehbare Menschenmenge, die durch die Straßen der vom Krieg so hart mitgenommenen Ruhrmetropole dutete und allabendlich die großen, von Hitze dampfenden Hallen des Gruga-Geländes zum Bersten er wen füllte –; das war das äußere Bild dieses evangelischen Kirchentages in Essen. Auch die Quantität des Gebotenen war überwältigend: drei Tage lang von morgens bis abends Gottesdienste, Vorträge, Diskussionen, Dichterlesungen und musikalische Darbietungen an vier, manchmal an sechs Stellen gleichzeitig. Der Besucher war also in der Lage eines Rundfunkhörers, der ich vor die Wahl gestellt sieht, unter mehreren, im in gleicher Weise interessierenden Sendungen zu wählen. Für denjenigen aber, der genötigt war, ein Gesamtbild vom Unternehmen dieses Kirchentages zu entwerfen, ergab sich daraus zwangsläufig die Schwierigkeit, ja beinah Unmöglichkeit einer Totalansicht. Und die Leitung bemüht war, diesem Mangel durch einen Sammelbericht über die Ergebnisse der vier Arbeitskreise abzuhelfen und durch die Formulierung von Resolutionen, die gleichsam die programmatische Quintessenz des verarbeiteten Stoffes darstellen, so blieb dieses Vorgehen mit dem Makel des Unzulänglichen behastet. Denn viele, oft wesentliche Nuancen der Gespräche gingen in diesen summarischen Feststellungen unter. Es ist daher ein durchaus begründeter Wunsch, daß der nächstjährige Kirchentag, der in der Ostzone stattfinden soll, sein Programm dahin reformiert, jedem Besucher möge die Teilnahme zumindest an den wesentlichen Vorträgen und Diskussionen möglich sein.

Das bedingt freilich auch eine Beschränkung der Themenstellung, die diesmal unter der Devise „Rettet den Menschen!“ im Versuch unternahm, den ganzen Komplex der modernen Lebensfragen im Querschnitt zu bieten. Diese allzu große Spannweite des Themas führte dann notwendig zu einer Unterteilung in Arbeitsgruppen, wobei der ersten die Aufgabe zufiel, den arbeitenden Menschen im Produktionsprozeß zu erfassen, der zweiten, über die materielle und seelische Not der Flüchtlinge zu diskutieren; die dritte betrachtete den Menschen in der Familie und die vierte schließlich beschäftigte sich unter dem nicht gerade glücklich ewählten Motto: „Ist die Kirche glaubwürdig? und „Der Ärger an den Frommen“ zwei Tage lang mit der Stellung des evangelischen Christen zu seiner Kirche.

Daß das Flüchtlingsproblem dabei besonderem Interesse begegnete, scheint nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie gerade an diesem Punkt die politischen Parteien versagt haben. Erstaunlicher dagegen ist es, daß auch die vierte Arbeitsgruppe, die sich mit der Kirche befaßte, eine mindestens ebenso große Zuhörerschaft fand – ein Phänomen, das einen überzeugenden Beweis für die christliche Qualifikation der Teilnehmer des Kirchentages bietet. Denn im christlichen Bereich fängt die Ethik damit an, daß man die Spitze moralischer Forderungen nicht gegen andere kehrt, sondern auf die eigene Brust richtet. –

In der Resolution der zweiten Gruppe, die unter Leitung von Professor Iwand, Göttingen, die Flüchtlingsfrage behandelte, zeigte sich übrigens der eingangs erwähnte Organisationsmangel mit aller Deutlichkeit. Denn die End-Thesen lassen auch nicht entfernt die Hochspannung der vorangegangenen Diskussionen ahnen, die vor allem das Referat des niedersächsischen Flüchtlingsministers Pastor Albertz ausgelöst hatte. Albertz hatte die Behauptung aufgestellt, daß eine etwaige Aufrüstung des Bundes notwendig eine Verknappung der Mittel für soziale Aufgaben mit sich bringen müsse, eine Entwicklung, unter der am schwersten die Schwächeren, nämlich die Flüchtlinge, zu leiden hätten. Auf Grund dieser durch mancherlei Beispiele belegten Feststellung kam er dann zu einer strikten Ablehnung der Aufrüstung. Hiergegen erhob sich sofort leidenschaftlicher Widerspruch in der Debatte am Nachmittag. Von den Opponenten wurde darauf hingewiesen, daß eine solche Einstellungder Kirche geradezu eine Ermutigung für den militanten Osten sei, in das militärische Vakuum der Bundesrepublik hineinzustoßen. Trotz der wirkungsvollen Unterstützung von Bundesminister Lukaschek, der sich unter den Zuhörern befand und das Zitat eines Kirchenvaters beisteuerte: „Was man nicht für gute Zwecke gibt, muß man dem Staat und seinen Soldaten geben“ – könnte sich die These von Albertz nicht eindeutig durchsetzen. Deshalb schlug der Leiter der Gruppe vor, in engerem Rahmen – die Arbeitsgruppe umfaßte etwa 2000 Menschen– das Thema weiter zu behandeln.

Das geschah in einer fünfstündigen hochdramatischen Nachtsitzung, über die Professor Iwand nachträglich berichtete. Bei diesen Gesprächen zeigte sich mit aller Deutlichkeit, daß man im Grunde auf zwei ganz verschiedenen Ebenen diskutierte. Denn während ein Teil der Gesprächspartner auf dem Boden der Realpolitik blieb und von da her eine deutsche Teilnahme an der Verteidigung Westeuropas forderte, betrachtete der Kreis um Iwand die kommenden Dinge aus einer geschichtstheologischen Sicht, die für die meisten Hörer in ihrer großartigen Einfalt etwas geradezu Erschreckendes hatte. In aller Kürze gesagt, ist der drohende Krieg, unter diesem Blickwinkel gesehen, ein drohendes Strafgericht Gottes, dem wir nur durch Buße und Umkehr entgehen können. Auf den konkreten Fall der Flüchtlingsfrage angewandt, bedeutet das: die Schaffung sozialer Gerechtigkeit ist zugleich die einzige wirksame Abwehr des drohenden Krieges. Denn eine in Gottesliebe und Bruderliebe lebende Gemeinschaft hat nicht nur in sich, kraft ihrer höheren Gerechtigkeit, den Kommunismusüberwunden, sondern darf ihre irdische Erhaltung auch getrost dem Schutze Gottes überlassen. Ja, man kann sagen, daß der gleichzeitigeEinbau irdischer Sicherungen in dieser theologischen Sicht beinah einen vor Gott strafbaren Kleinglauben bedeute.