Die psychoanalytische Durchforschung von Kunstwerken auf etwa darin sublimierte Komplexe ihrer Schöpfer hat ein heilsames Mißtrauen gegen jede Schrift zurückgelassen, die es unternimmt, das geschlechtliche Empfinden eines Künstlers zur Deutung seiner Werke heranzuziehen. Aber eine völlige Enthaltsamkeit wäre nur der schlechte Gegensatz zur Oberspannung der Freudschen Methode. Denn es gibt Fälle, wo die Dokumente ausreichen, um die seelische Verfassung eines Künstlers auch nach jener Seite genugsam zu vergegenwärtigen und seine Schöpfungen als Antworten auf ungestillte und unstillbare persönliche Sorge zu vernehmen.

Ein solcher Fall ist der große Romantiker der russischen Musik, Peter Tschaikowskij. Es hat nur noch niemand den Mut gehabt, seine Briefe daraufhin zu prüfen. Josef Mühlberger, weder Musikwissenschaftler noch Psychologe vom Fach, sondern Erzähler aus dem Sudetenland, ist jetzt den Fachleuten zuvorgekommen. Sein Buch „Im Schatten des Schicksals, Peter Tschaikowskijs Lebensroman (Bechtla Verlag, Eßlingen) stellt das Erdenleben des Symphonikers und Theaterkomponisten streng nach den Quellen (also gar nicht „romanhaft“) als eine Krise dar, die von der ersten Jugend bis zum frühen Tod die Unruhe, Verschlossenheit und Weltscheu, des von Ruhm umglänzten Künstlers bestimmt und sich aus dem Zwang herleitet, eine von der christlich-bürgerlichen Moralansicht perhorreszierte Neigung – eben dieselbe, für die Oscar Wilde nach Reading ins Zuchthaus mußte – vor der Öffentlichkeit zu verbergen, und mehr als das: vor sich selbst durch künstlerisches Schaffen zu sühnen. Tschaikowskij, so zeigt Mühlberger, teilte das Verdammungsurteil der Gesellschaft und litt unter der Nötigung, fortgesetzt dagegen zu verstoßen. So fehlt seinem Sündigen alle heidnische (etwa hellenische) Sinnenfreude. Der Grundzug seiner Existenz ist ein schlechtes Gewissen. Das verstellt ihm alle Beziehungen zu den Frauen, die in seinen Bannkreis kommen, und erklärt sowohl seine kläglich verlaufene Ehe wie die unüberwindliche Scheu, der großherzig liebenden Wohltäterin Nadjeshda von Meck persönlich zu begegnen. Es ist aber auch der innere Nerv seiner Musik, seiner von Schmerz und Sehnsucht durchtränkten Tonwelt.

Tschaikowskijs Leben ist an diesem Zwiespalt auseinandergebrochen. Hätte er besser getan, sein Sündenbewußtsein abzustreifen und sich von dem Urteil der Gesellschaft zu emanzipieren? Liest man die rigoros aufrichtige Selbstbiographie eines Franzosen aus vorurteilsfreierer Zeit und Umwelt, eines glänzenden Schriftstellers und subtilen Kunstkenners, eines grundmusischen Naturells, dem schon seiner Herkunft und Erziehung nach sowohl die christlichen wie die bürgerlichen Konventionen fremd waren – liest man, und manche sollten es lesen, das Buch „Mein Leben ist ein Ärgernis“ von Maurice Sachs (Verlag der Europäischen Bücherei, Bonn), dann erkennt man, daß die Emanzipation von den Vorurteilen und die Rückkehr zum hellenischen Eros keineswegs die Last des Ausnahmedaseins aufhebt. Sachs betrachtet mit sechsunddreißig Jahren (1939 – fünf Jahre danach kam er elend in einem Konzentrationslager bei Hamburg um) sein Leben als verspielt. Das zynische Pochen auf die Vitalität und das natürliche Recht zum Anderssein ist einer verzweifelten Resignation gewichen. Die Selbstbefreiung von den Konventionen führt eben noch nicht ohne weiteres zurück in das hellenische Gleichgewicht. Im Gegenteil, es zeigt sich, daß nur eine Konvention im alten Griechenland das Gleichgewicht sicherte: die Konvention, die der sinnlichen Hinneigung des Mannes zum Jüngling feste, gesellschaftlich sanktionierte Formen anwies. Christian E. Lewalter