In einer Zeit, in der nur Produktionsziffern, Divisionsstärken und moderne Waffen zählen, ist das waffenlose Indien zu einer politischen Macht erster Ordnung geworden; Indien, dies noch wenig entwickelte Land, in dem von den 180 Millionen, die nächstes Jahr zur Wahl gehen, nur zehn Millionen des Lesens und Schreibens kundig sind. Wie dieses Phänomen möglich ist, zeigt der folgende Artikel.

Das politische Leben Indiens wird bis zu den ersten allgemeinen Parlamentswahlen, die für 1951 vorgesehen sind, von der Kongreß-Partei beherrscht. Gleichwohl ist die Zukunft dieser Partei ungewiß, denn mit der erkämpften Staatlichen Unabhängigkeit Indiens hat sie die Aufgabe erfüllt, um derentwillen sie gegründet wurde und die ihr eine unüberwindliche dynamische Kraft gegeben hat. Aus ihren Reihen sind die Männer hervorgegangen, die heute die Geschicke Indiens leiten: Staatspräsident Dr. Rajendra Prasad, Ministerpräsident Jawaharlal Nehru und Innenminister Sardar Patel.

Die Verantwortung für die innere Sicherheit der jungen "souveränen demokratischen Republik Indien" mit ihren 340 Millionen Einwohnern, die sich in 14 amtlich anerkannten und 250 nicht anerkannten Sprachen und Dialekten verständigen, trägt Innenminister Sardar Patel. Der 75jährige Staatsmann ist ein sehr realistischer, offener und rücksichtsloser Politiker und Organisator, der es nicht nur fertiggebracht hat, die 562 verschiedenen "Prinzlichen Staaten" Indiens gleichzuschalten, sondern der auch mit den Extremisten von rechts und links fertig wird. Die gefährlichste Opposition kommt von der rechtsgerichteten "Allindischen Hindu-Gemeinschaft" und von dem "Nationalen Freiwilligen-Corps", die beide eine Wiedervereinigung mit Pakistan unter vollständiger Hindu-Herrschaft erstreben. Die kommunistische Bewegung in Indien hingegen wird dank der energischen Maßnahmen Pateis kontrolliert und in Schranken gehalten. Einige Tausend von den etwa 70 000 eingeschriebenen Mitgliedern der von B. T. Ramadive geführten KP Indiens befinden sich in Gefängnissen und Internierungslagern. Die Schlagkraft der KP hat außerdem dadurch gelitten, daß eine "Titoisten-Gruppe" unter der Führung des früheren Generalsekretärs der Partei, P. C. Joschi, abgesplittert ist, weil sie den stalinistischen Kurs nicht mehr mitmachen will. Innenminister Patel entlastet so durch seine Politik der starken Hand den Ministerpräsidenten Pandit Nehru, der als Außenminister die schwierige Aufgabe hat, Indien nicht nur durch die ihm von Pakistan unmittelbar drohenden Gefahren, sondern auch durch die weltpolitischen Spannungen zwischen Ost und West hindurch zu neuem.

Für das Verhältnis Indiens zu Pakistan sind zwei Faktoren bestimmend: der Streit um Kaschmir und die Minderheitenfrage. Bei dem Streit um den ehemals Prinzlichen Staat Kaschmir handelt es sich darum, daß der Hindu-Maharadscha das Land ohne Rücksicht auf seine zum größten Teil mohamedanische Bevölkerung an Indien anzuschließen wünschte. Um dies zu verhindern, fielen bewaffnete Stämme aus dem mohamedanischen Pakistan im Oktober 1947 in Kaschmir ein. Kurz darauf sandten sowohl Indien als auch Pakistan Truppen in das umstrittene Gebiet. Es kam zu Kämpfen, in deren Verlauf Pakistan ein Drittel von Kashmir besetzte. Einer nach Kaschmir entsandten UNO-Kommission gelang es, beide Parteien am 1. Januar 1949 zur Waffenruhe zu veranlassen. Gleichzeitig wurde Kaschmir durch eine dem Frontverlauf entsprechende Demarkationslinie in zwei Zonen geteilt, von denen die westliche von einer propakistanischen, die östliche von einer proindischen Interimsregierung verwaltet wird. Trotz aller Bemühungen scheiterten jedoch bisher alle endgültigen Einigungsversuche. Aber es scheint nicht ausgeschlossen, daß es eines Tages doch noch zu einer friedlichen Lösung, und zwar durch eine Teilung Kaschmirs kommt, zumal weder Nehru noch Liakat Ali Khan, der Ministerpräsident Pakistans, grundsätzlich eine solche Teilung abgelehnt haben.

Eine nicht versiegende Quelle des Streites ist ferner das Minderheitenproblem. Unmittelbar nachdem Indien und Pakistan am 15. August 1947 die Selbständigkeit erhielten, wurden die Minderheiten in beiden Ländern brutalsten Massakern und Verfolgungen ausgesetzt, die schließlich zu einer Massenflucht von sechs Millionen Hindus aus Pakistan und von fünf Millionen Moslems aus Indien führten. Dabei ließen nach Angaben des indischen "Ministeriums für Wiedergutmachung" die geflohenen Hincus Vermögenswerte in Höhe von acht Miliarien Dollar zurück, während der von den geflüchteten Moslems zurückgelassene Besitz auf 800 Millionen Dollar angegeben wurde. Zwei Jahre später, im Dezember 1949, kam es in der pakistanischen Provinz Ost-Bengal erneut zu schweren Unruhen, bei denen mehr als eine halbe Million Menschen getötet wurde. Ein Krieg zwischen Indien und Pakistan schien bereits unvermeidlich, als Nehru und Liakat Ali Khan sich im letzten Augenblick zu einer Zusammenkunft in Neu Delhi entschlossen. In mehrtägigen Verhandlungen gelang es Anfang April dieses Jahres, zu einer Vereinbarung über die Minderheiten zu kommen. Danach übernahmen beide Regierungen den Schutz und die Sicherheit der Minderheiten. Allerdings war die indische Opposition gegen dieses Abkommen, das als ein schwächliches Nachgeben gegenüber pakistanischen Provokationen angesehen wurde, so stark, daß vier Mitglieder des Kabinetts Nehru ihren Rücktritt erklären. Inzwischen ist aber durch das Abkommen doch eine gewisse Beruhigung und Stabilisierung eingetreten.

Mit diesen pakistanischen Vorbelastungen seiner Außenpolitik muß Indien an die Lösung aller anderen außenpolitischen Probleme herangehen. Während seines kürzlichen Besuch; in den Vereinigten Staaten hat sich Nehru über den außenpolitischen Kurs seines Landes sein klar ausgesprochen, als er sagte: "Die Hauptrichtlinien der Außenpolitik Indiens sind 1. das Streben nach Frieden, nicht durch Anschluß an irgendeine Großmacht oder Mächtegruppe, sondern durch eine unabhängige Beurteilung jedes strittigen oder erörterten Problems, 2. die Befreiung unterworfener Völker, 3. die Erhaltung nationaler und individueller Freiheit, 4. das Ausmerzen rassischer Diskriminierung und 5. die Beseitigung der Not um die Erhaltung des täglichen Lebens." Dieser Erklärung liegen eine Reihe von Überlegungen zugrunde: Auf der einen Seite besitzt Indien allein schon als Mitglied des britischen Commonwealth starke Bindungen zum Westen, Es ist auf dem Wege, sich zu einer Demokratie zu entwickeln, und auch auf wirtschaftlichem Gebiet blickt Indien westwärts. Auf der anderen Seite aber sitzt ein tiefer Haß gegen jeden westlichen "Kolonialismus" im indischen Volk, der sich in einem unerschütterlichen Beharren auf der Forderung nach Freiheit zur Selbstbestimmung für alle asiatischen Völker manifestiert. Hinzu kommt ein in vielen Indern lebendiger Mystizismus, der sowohl dem Westen wie dem Kommunismus eine Verherrlichung des Materialismus vorwirft.

Nehrus Richtlinien treten bei allen außenpolitischen Maßnahmen und Handlungen Indiens bis in die jüngste Zeit hinein mit einer erstaunlichen Konsequenz in Erscheinung. Die Ablehnung einer Beteiligung an der Bildung eines antikommunistischen Staatenblocks in Asien, die aktive Beteiligung an allen internationalen Konferenzen, die der Hebung des Lebensstandards der asiatischen Völker dienen können, der Rat an Frankreich und Portugal, ihre "unzeitgemäßen" Niederlassungen auf dem indischen Sub-Kontinent freiwillig aufzugeben, die Unterstützung Indonesiens in seiner Forderung auf Überlassung des holländischen Teils von Neu-Guinea, die Anerkennung der Regierung Mao Tse Tungs, die Ablehnung einer Anerkennung von Ho Chi Minh oder Bao Dai in Viet Nam sind ebenso bezeichnend für die indische Außenpolitik wie Neu-Delhis Haltung bei Ausbruch des Korea-Konfliktes. Unaufhörlich ist Indien bemüht, einen friedlichen Weg zu einer asiatischen Lösung des Konfliktes zu finden.