Von Adolf Frisé

Ein dreiundachtzigjähriger und ein um mehr als die Hälfte jüngerer Mann, die einander zum erstenmal begegnen, haben es nicht leicht, in ein Gespräch zu kommen. Da ist die so verschiedene Distanz zu den Erfahrungen; die Erinnerungen des einen reichen bis tief in ein nun längst verflossenes Jahrhundert zurück, die des anderen hängen noch mitten im Fangnetz der Gegenwart. Da ist weiter vor allem die Gelassenheit dessen, der sein Leben gelebt, und die Unruhe dessen, der es – immer noch – vor sich glaubt. Fragen, die dem Jüngeren auf den Nägeln brennen, haben sich für den Greis unwiderruflich beantwortet.

Das erste, worüber der Dichter der "Anekdoten" sich beklagte, waren nicht Altersgebrechen, nicht der bittere Lauf der Zeiten, auch nicht das Schweigen, das sich seit einigen Jahren um ihn legte. Im Gegenteil. Mangel an Bewegungsfreiheit, darunter leide er. Das Auto habe man ihm weggenommen. In einen Zug, obwohl die Bahnstation vor seiner Tür ist, setze er sich nicht. Mit einem Wort: er fühle sich wie in Festungshaft. Ich überlegte unwillkürlich, wie sich wohl junge Menschen den Schatzgräber der "Histörchen", so unzähliger kleiner und großer Begebenheiten aus der deutschen Vergangenheit, vorstellen. Vielleicht als eine Art literarischen Rübezahl? Vor mir aber saß weder ein müder, versonnener Greis, noch ein verträumter Poet. So flink und beweglich – die kleine Gestalt zwar stark gebeugt – wie er ins Zimmer trat, so schnell, fest und präzise sprach er auch. Aber Festungshaft? Draußen war ein strahlend heller Tag. Die Sommerhalde, seit fast zweiunddreißig Jahren der Wohnsitz Wilhelm Schäfers über dem idyllisch-buchtartigen Auslauf des Überlinger Sees, liegt mitten in einem blühenden, breit ansteigenden Wiesengarten; eine Landresidenz mit einem geräumigen Stammhaus und darüber zwei ehemaligen Gästehäusern, wie sie den Einzimmer-, Baracken- oder allenfalls Etagendichtern der jüngeren Generation als ewig unerreichbares Ideal vorschweben mag. Indes, in den Gästehäusern sitzen Flüchtlinge, im eigenen die Familie des Sohnes, das Vermögen ist weggeschmolzen oder in Berlin blockiert, der Auflagenbestand der Bücher bei seinem früheren Verlag in München ausgebombt, was übrigblieb, beschlagnahmt.

Drei farbenprächtige Bilder Adolf Hölzels, des Vaters der deutschen Abstrakten, hängen nebeneinander über dem Sofa. Sie hängen seit dreißig Jahren hier. Heute stehen sie vermutlich hoch im Kurs. Sie sind das Nächste und seit dem Währungsschnitt nicht das einzige, was Schäfer verkaufen will. Sorgen? Er denkt nicht daran. Es ist nicht schön in diesem Alter, natürlich nicht. Aber er fand sich, so meint er, noch immer im Leben, zurecht. Einmal... "Aber lesen Sie das in meiner ,Rechenschaft‘ nach." (Sie erschien, 1948, im Thomas-Verlag in Kempen am Niederrhein. Ein Lebensrückblick von 330 Seiten.) Als der Verlag in München, den die "Partei" geschluckt hatte, "Schönheitsfehler" abgeändert wissen wollte – das war schon im Kriege – zog er den fertigen Satz zurück. Ich spiele auf gewisse Mißverständnisse, auch unausgesprochen gebliebene Vorwürfe an. Der Dichter versteht mich nicht. Er sei nie ein Schoßkind der literarischen Kritik gewesen. Schon sein Erstling, der Grundstock seiner "Anekdoten", wurde von den Verlegern abgelehnt. Das war 1907. Er gab sie unter Subskription heraus. Er war immerhin damals schon seit sieben Jahren Herausgeber der "Rheinlande" (und blieb es bis 1922). Die seitenlange Liste der Subskribenten, Hermann Hesse darunter, ist dem hübschen schlichten Bändchen im Anhang beigefügt. Es war nicht sein erster Versuch, aber von dem, was vorher an die Öffentlichkeit kam, will er nichts mehr wissen. "Ein furchtbares Zeug" habe er damals "zurechtgemurkst". Aber Richard Dehmel, Paul Scheerbart, der Äonenhymniker, sogar der Bettlerdichter Peter Hilfe zählten schon zu seinem engsten Freundeskreis. Versunkene Zeiten leuchten auf. Ein fürstlicher Vertrag mit Cotta, völlig à fonds perdu, Reisen daraufhin, die dem – nach der Welt ausgehungerten kleinen Lehrer plötzlich ein berauschendes Gefühl der Freiheit schenkten. Dann, aus heiterem Himmel, Kündigung des Monatsschecks und ein Scherbenhaufen zusammengebrochener Illusionen. Merkwürdige Jahre nun als gutverdienenden Anzeigentextdichter, überhaupt als Propagandaspezialist. Schließlich Berlin und der Sieg des Naturalismus, den er, in der Literatur, für ein bis heute fortwirkendes Unglück hält. Zustandsschilderung, ein bißchen Landschaftsstimmung, ein bißchen Psychologie, spottet er, das könne am Ende jeder halbwegs Gebildete.

Hier, er sagt es nicht, aber man spürt es, fing das "Mißverständnis" an. Die Sprache, nichts als die Sprache sei das Element des Dichters. Sein Grundsatz: "Nicht das Einfache bedeutend, sondern das Bedeutende einfach sagen." Der nächste Schritt ist das Bekenntnis zur Volkstümlichkeit. Den Literaten liebt er nicht. Auch heute nicht. Der Streit darüber schlug einst seine Kreise bis in die Dichterakademie. Es wäre zwecklos, mit ihm zu rechten. Er ist Kurhesse von Geburt, hartköpfig, streng bei aller angenommenen rheinischen Verbindlichkeit. Das Rheinland nämlich wurde seine zweite Heimat. Er ist glücklich, als er von seiner Düsseldorfer Bachrede spricht, die er, dem Meister der Fuge schon durch die Struktur seiner "Dreizehn Bücher der deutschen Seele" beinahe schülerhaft verbunden, vor Jahren bereits einmal in Bremen hielt. Seine Miene erwärmt sich auch, indem er von der Schule in Ottrau, seinem Geburtsort, erzählt, die kürzlich nach ihm benannt wurde. Das Reden ist seine ganze Liebe. Sechsunddreißig Ansprachen insgesamt hat er beisammen, ein Band für sich in der zehnbändigen Gesamtausgabe seiner Werke, die er philologisch exakt vorbereitet hat und, falls er es nicht mehr erlebt, einem Drei-Männer-Kollegium zu treuen Händen hinterlassen wird.

Man hat ihn nicht verwöhnt, seit er ein alter Mann geworden ist. An seinem 70. Geburtstag, ein Jahr vor dem Kriege, nahm man, da er (irrtümlich) als Freimaurer galt, keine Notiz von ihm. Fünf Jahre später allerdings hob man ihn dann so auf den Schild, daß der Antritt seines neunten Jahrzehnts sich wieder in um so tieferer Stille vollzog. Er lamentiert nicht darüber. Er nimmt es hin in der Gewißheit, daß ihm sein Platz im deutschen Schrifttum auch ohne Tiraden gesichert ist. Wohl war es schmerzlich, wie er in seiner "Rechenschaft" gesteht, daß einigen der späten Bücher, an denen sein Herz hing, wie "Hölderlins Einkehr", auch "Das Haus mit den drei Türen" oder "Der Fabrikant Beilharz und das Theresle" eine wirkliche Resonanz versagt blieb. Heute sogar steht er wieder da, wo er mit vierzig Jahren anfing. "Die Biberburg", seine vorerst letzte größere Arbeit, erscheint wieder als Subskription.

Wilhelm Schäfer schrieb nie drauf los. Er arbeitete immer hart und ist mit sich selber unerbittlich. "Im Leben mögen die Dinge", resümiert er, "so relativ sein, wie sie wollen, für den Dichter gibt es jeweils nur eine, die absolute Entscheidung." In den Kriegen wagte er sie nicht. Da malte er. Blatt um Blatt zeigt er mir zum Schluß, mit einem verschwiegenen Stolz; alte, an Hodler erinnernde Studien aus der Schweiz, dann die jüngsten, noch in diesen Jahren entstanden, in denen immer wieder das Traumbild des Bodensees eingefangen ist. Von der Vand blickt sein Selbstbildnis: suggestiv und scharf wie mit dem Kontur des Holzschnitts. Das Malen und Zeichnen ist ihm mehr als bloße Liebhaberei. Es war, wie bei Stifter, wie bei Gottfried Keller, sein Jugendtraum.