Von dem verstorbenen Bischof von Münster, dem Kardinal Graf Galen, erzählt man sich, daß er nach der Lektüre von Rosenbergs "Mythos" und seiner "Rassetheorie" zweifelnd gefragt habe, ob dieser Mann wohl auch wie er seinen arischen Stammbaum bis in das 12. Jahrhundert nachweisen könne. Solche oder ähnliche Geschichten gibt es für den Grafen Preysing, den Bischof von Berlin, nicht. – Denn, um – wie der "Löwe von Münster" seine Abstammung gerade in der Periode des "nordischen Herrenmenschen" als polemische Waffe zu verwerten – ist der heute 70jährige Kardinal von Berlin Zeit seines Lebens zu zurückhaltend, zu diskret und zu diplomatisch gewesen. Freilich hätte er es gekonnt: er wurde als viertes Kind einer alten bayrischen Adelsfamilie auf Schloß Altenpreysing an der Isar am ~0. August 1880 geboren. Aber gegen die Karriere eines westfälischen Glaubensgenossen mutet der Lebenslauf des bayrischen Grafen ausgesprochen zeitlich an. Fühlte sich jener von Anfang an für den Priesterberuf bestimmt und hatte deshalb eine Seele mit jenem Maß von Weltabkehr gewappnet, die oftmals nötig ist, um ein "guter Hirte" zu sein, so war Graf Preysing mitten aus dem Trubel der Welt in die stillen Studienzeiten des Canisiums in Innsbruck eingezogen. Der junge Preysing hatte damals schon eine jahrelange Tätigkeit als Diplomat hinter sich. Er war Legationssekretär an der Bayrischen Gesandtschaft beim Vatikan gewesen, ehe er sich entschloß, katholischer Priester zu werden.

Nur von dieser diplomatischen Karriere aus wird die spätere Haltung des Bischofs von Berlin ganz verständlich. Im Jahre 1935 hatte ihn die Römische Curie gegen seinen Widerspruch auf diesen Posten erhoben, ihn, den Urbayer, der nun die Berliner lieben und schätzen lernte. Denn er war viel zu weltgewandt, als daß er interne bayrische Ressentiments in die "preußische Hauptstadt" mitgebracht hätte. Aber sein Kampf gegen den Nationalsozialismus, der in einer Predigt des Jahres 1942 gipfelte – in ihr stellte der Bischof die Urrechte des einzelnen, das Recht auf Leben, auf Unversetzbarkeit, auf Freiheit, auf Eigentum und Ehe dem nationalsozialistischen Kollektivismus in aller Schärfe gegenüber – war nicht so starr und fromm – polternd wie der des Grafen Galen; sein Widerstand war von kühler Unnachgiebigkeit mit scheinbaren Konzessionen. Schon damals wurde klar, daß von den drei bedeutendsten katholischen deutschen Bischöfen, dem Kardinal Frings, und den Grafen Preysing und Galen, Preysing dem Urbild des vornehmen katholischen Kirchenfürsten am nächsten kam.

Gerade seine wägende Zurückhaltung hat ihn nach dem Krieg zum gefährlichsten Gegner des roten Regimes in der Ostzone gemacht. Er mäßigte sich, wenn man scharfe Worte erwartet hatte, er schlug zu, wenn keiner mit dem Zuschlagen gerechnet hatte. So hat Preysing bis heute das Exkommunikationsdekret des Papstes, wonach Angehörige der Kommunistischen Partei und der kommunistischen Jugendorganisationen von den Sakramenten ausgeschlossen werden können, in seinem Bistum noch nicht ein einziges Mal angewandt, obwohl es ihm an Gelegenheit dazu sicher nicht gefehlt hätte. Er möchte – wie er selbst sagt – die Stellung der katholischen Kirche in der Ostzone "nicht unnötig gefährden". Aber er hat im selben Augenblick gegen die Konzentrationslager seine Stimme erhoben, in dem der evangelische Probst Grüber erklärte, die Behandlung in den ostdeutschen Lagern sei gut und menschenwürdig.

Von Graf Galen sagt man, daß er Militärmärsche geliebt habe, Graf Preysing liebt altes Porzellan. Galen war drei Jahre Pfarrer in Berlin; in diesen drei Jahren ging er einmal ins Theater und auch da nur, weil ihn ein Freund darum gebeten hatte. Preysing besucht regelmäßig die Oper. Er hat etwas von jener katholischen Weltlichkeit, die einmal eine ganze Kultur, den Barock, getragen hat. Nirgendwoanders konnte der Platz dieses katholischen Geistlichen sein als in Berlin – als Bischof einer Weltstadt.

P. H.