Von Fedor Step

Bei der Problematik des heutigen Filmschaffens darf die Stimme eines namhaften Gelehrten, des Münchener Universitätsprofessors und Autor des Buches "Theater und Kino", Dr. Fedor Stepün, nicht überhört werden, der sich sowohl von der kulturpolitischen als der sozialkritischen Seite mit dem Thema beschäftigt hat.

Für die letzten hundertfünfzig Jahre europäischer Kulturgeschichte sind folgende Momente besonders charakteristisch: Herauslösung aller Kulturgebiete aus dem Pleroma des christlichen Glaubens: Glaubensschwund. – Anhaltendes Ausbreiten und Vertiefen der Wissenschaften, die in Form der Wissenschaftsgläubigkeit ihre eigenen Grenzen sprengen. – Anwachsen des Weltreichtums im Zeichen des weltumspannenden großkapitalistischen Unternehmergeistes. – Das Avancieren der Massen und die Vermassung der Kultur.

Betrachten wir die Welt des Films unter diesen Gesichtspunkten, so bemerken wir sofort, wie tief der Geist des Films mit dem Geiste der Moderne verbunden ist. Im Unterschied zum Theater ist der Film schon rein formal gesehen eine ausgesprochene Massenkunst. Seine Zuordnung zu den Massen ruht auf folgenden Voraussetzungen: Erstens auf seiner Portativität: so schwer und kostspielig es ist, eine Schauspielertruppe mit Kostümen und Dekorationen aus einer Großstadt in die Provinz und aufs flache Land zu bringen, so leicht und billig löst dieses Problem der Filmverleih. Zweitens auf der unermüdlichen Spielmöglichkeit der photographierten Schauspieler: auf der Leinwand kann Hans Albers fünfmal am Tage in Tausenden von Theatern, die über die ganze Welt verstreut sind, spielen, während er auf der Bühne höchstens Zweimal pro Tag und auch nur für eine ganz kurze Zeitspanne auftreten kann. Drittens auf der im Verhältnis zum Wort viel leichteren Eingängigkeit des Bildes in das Bewußtsein und die Seele des Menschen. Viertens auf der Möglichkeit der Internationalisierung des Films: wie auf dem ideellen Wege der Stummheit so auch auf dem barbarischen – der Synchronisation.

Fügen wir zu diesen Überlegungen noch hinzu, daß der Film nicht nur als neue Kunstform eine große Rolle in unserem Leben spielt, sondern auch als Bildungs- und Erziehungsmethode und darüber hinaus als Reportage, Reklame und Agitation, so wird sein Zusammenhang mit der modernen Massenzivilisation wohl kaum zu leugnen sein.

Als Kunst für die große Masse ist die Filmproduktion eines der kostspieligsten, aber auch rentabelsten Unternehmen, die im Schöße der großkapitalistischen Wirtschaftsform gewachsen sind. Sie unterhält große Armeen teuer bezahlter Angestellter und Arbeiter, die sich aus verschiedensten Berufen rekrutieren; Schauspieler, Schriftsteller, Photographen, Musiker, Architekten, Maler, Beleuchtungstechniker und Handwerker aller Art, sie alle gehören zur Filmproduktion, die sie nicht nur beschäftigt, sondern, zum mindesten die Elite der Beschäftigten, zu ausgeprägten Repräsentanten der großkapitalistisch-bürgerlichen Welt prägt.

Die arrivierten Autoren von Drehbüchern haben in ihrem äußeren Gebaren wie auch im ganzen Lebensstil so gut wie nichts mit den hungernden Musensöhnen des Quartier Latin gemein; die Filmstars sind keinesfalls legitime Erben vagabundierender Komödianten, die ihre tragischen Monologe in dunkler Erinnerung an das sakrale Wesen des Theaters wie Weltgerichtsszenen abrollen ließen. Die meisten Filme – leider nicht nur die Vulgärfilme – zeigen mit Vorliebe die Welt, der ihre Schöpfer angehören. Man achtet leider viel zu wenig darauf, daß die großen Ausstattungsfilme, mit den sich immer wiederholenden Hofbällen, Artistencafés, Zigeunergeigen und Liebesabenteuern, immer wieder den Neid der Kleinbürger, den Haß der klassenbewußten Proletarier und die Angst der höchsten Schichten erwecken, und so Abend für Abend in die sozialen Kämpfe unserer Zeit eingreifen.