In einem Augenblick, da die Westalliierten wirklich überrascht zu sein scheinen, daß Deutschland ihre Remilitarisierungsvorschläge nicht mit Begeisterung aufgenommen hat, ist in England ein Roman erschienen, der vielleicht dazu geeignet ist, Engländern und Amerikanern etwas Einblick in die Gründe zu geben, weshalb die Deutschen keine Lust mehr haben, Soldat zu spielen. Der Roman, der reißenden Absatz findet und der sehr günstig besprochen wurde, heißt "Dein Feind" (Thine Enemy), der Verfasser ist Sir Philip Gibbs, ein Journalist, der Deutschland genau kennt.

Thine Enemy beginnt im Winter 1945 in Königsberg und gibt ein getreues Bild davon, wie sich das Leben während des chaotischen Zusammenbruchs Deutschlands und der nicht minder chaotischen Anfänge der Besetzung abgespielt hat. Gibbs schildert die Erlebnisse einiger junger Deutscher, vor allem einer jungen Flüchtlingsfrau aus Königsberg, Hilde Menzel, und des Unteroffiziers Franz Reber. Der Zufall bringt sie im Flüchtlingsstrom zusammen. Hilde, deren Mann im Ostfeldzug verschollen ist, will ihre drei kleinen Kinder nach Bayern bringen. Franz, der von seiner Einheit abgeschnitten wurde, ist in den Flüchtlingsstrom geraten, während er einen Weg zur Front zurück suchte. Er hat bei einem russischen Luftangriff schwere Verbrennungen erlitten; Hilde Menzel pflegt ihn gesund. Reber ist von Beruf Künstler; durch die Darstellung seiner Reaktionen auf die Zerstörung aller Werte, an die er geglaubt hat, läßt Gibbs das Bild von Deutschlands gequälter Nachkriegsseele im Leser entstehen.

Gibbs skizziert meisterhaft die Probleme, die sich diesen Menschen im Deutschland von 1945 aufdrängen. So erholt sich Reber von seinen Brandwunden in der Wohnung einer jüdischen Ärztin, die durch ein Wunder dem Schrecken von Belsen mit einer Narbe und unheimlichen Erinnerungen entronnen ist. Die Erzählung dieser Jüdin ist der erste einer ganzen Reihe von Schocks, die Reber so angreifen, daß er Monate zwischen den Ruinen Berlins in völliger Einsamkeit umherirrt. Nachdem seine Verbrennungen verheilt sind, wird er in einem jener Gefechte, die schon gänzlich sinnlos geworden sind, abermals verwundet.

Aus dem Krankenhaus entlassen, findet Reber seine Wohnung in Trümmern, seine Eltern tot. Hilde Menzels Onkel ist inzwischen wegen seiner Teilnahme am 20. Juli hingerichtet worden; weder Hilde noch Franz hatten geahnt, welchen Umfang der Widerstand gegen Hitler angenommen hatte. Mit einem zerschmetterten Arm ist Reber von Freunden, die selbst hungern, abhängig. Er streitet sich mit einem halbverrückten Soldaten herum, der in der Wüste des Todes behauptet, der Nazismus sei auch jetzt noch Deutschlands einzige Hoffnung. Eine Zeitlang hat er eine Liebschaft mit einer jungen Witwe, die aber von Abenteuern mit englischen Offizieren lebt.

Das ist mehr als genug für Franz Reber, mehr als genug des endlosen und sinnlosen Mordens, Zerstörens und Leidens, von dem Amerika und selbst England so wenig erfahren haben. Die Leser von Thine Enemy bedürfen keiner großen psychologischen Begabung, um zu verstehen, daß Reber, dessen Problem es ist, am Leben zu bleiben und "irgendeine neue Lebensphilosophie zu finden", schwerlich Enthusiasmus zeigen kann bei der Aussicht, wieder das Gewehr schultern zu müssen. Was die .71 Prozent der Amerikaner, die zur Zeit für die Wiederaufrüstung Deutschlands eintreten, sich jedenfalls klarmachen sollten, ist, daß die Geschichte von Franz Reber und Hilde Menzel nicht einfach frei erfunden und daß sie nichts weniger als ungenau ist, was den sachlichen Hintergrund für ein Bild des deutschen Lebens in den Jahren 1945/46 anbelangt. Vielleicht haben die meisten Deutschen nicht so bewußte Versuche gemacht, sich Klarheit über sich selbst und ihr Land, zu verschaffen, wie Franz Reber – aber ganz gewiß gingen Millionen von ihnen durch ein Inferno, das weit wirksamer war als jede re-education um sie den Nazi-Mythos vom ruhmreichen Krieg durchschauen zu lassen.

Thine Enemy findet Raum, auch noch die politischen Verwirrungen zu schildern, die im Gefolge der Besetzung auftraten. Engländer und Amerikaner wird es interessieren, zu lesen, in welcher Weise ein kleiner Nazi aus rein persönlicher Rache den Vater Hilde Menzels vor ein Entnazifizierungsgericht bringt, oder die Rolle zu erkennen, die das kurzlebige amerikanische Fraternisierungsverbot spielte, oder deutsche Meinungen über das Nürnberger Verfahren zu hören.

Mit Thing Enemy hat Philip Gibbs einen fairen, unsentimentalen journalistischen Roman geschaffen, der weite Verbreitung verdient, nicht vom literarischen Gesichtspunkt aus, sondern als Ausgleich gegen die wenig wertvolle Berichterstattung über Deutschland, die nach dem Kriege die Spalten der angloamerikanischen Presse füllte. Das Buch, würde es überall von den früheren Feinden Deutschlands – und ihres Staatsmännern – gelesen, könnte sehr viel zum Verständnis der heutigen Haltung Deutschlands beitragen. Schade nur, daß es nicht schon vor vier Jahren erschienen ist, Anthony Morley