Die "Unfehlbarkeit" des Papstes, seine Befugnis, für alle Zukunft verbindliche Urteile in Fragen des kirchlichen Dogmas abzugeben, erscheint dem Nichtkatholiken als eine Oberspannung der Autorität eines einzelnen. Aber nur plumpe Vergröberer können diese dogmatische Souveränität des Papstes in Parallele stellen zu der absoluten Herrschaft, die der Diktator eines totalitären Systems in allen Fragen des geistigen Lebens übt. Der Papst spricht ex cathedra nur über Inhalte der Offenbarung, die (schon ihrem Begriffe nach) der Kontrolle durch das rationale Denken entzogen sind; auf dem Feld dieses Denkens, der Wissenschaft im weitesten Sinn (Theologie und Philosophie eingeschlossen), besteht auch für den Katholiken eine Freiheit, die um so unbedingter wird, je mehr die Forschungsgegenstände der jedermann zugänglichen Erfahrung offen sind. Gerade in den Erfahrungswissenschaften ist aber der sowjetische Forscher an Entscheidungen von höchster Stelle gebunden. Das zeigte sich vor einiger Zeit an dem Machtwort des Politbüros zu einem Grundproblem der Vererbungslehre (Fall Lyssenko). Es zeigt sich neuerdings bei Briefen Stalins über Sprachwissenschaft, die in der Sowjetunion und den Satellitenländern (auch in der "Deutschen Demokratischen Republik") mit der Verbindlichkeit einer päpstlichen Enzyklika aufgenommen werden. Stalin äußert sich da ex cathedra über Prinzipienfragen der Linguistik, zum Beispiel darüber, ob ein Denken ohne Sprache denkbar sei (was er verneint), ob die Sprache nach der Marxschen Einteilung zur "Basis" oder zum "Überbau" der Gesellschaft zu rechnen sei (Antwort: weder das eine noch das andere). Das ist ein Verdammungsurteil gegen die Schule des Linguisten N. J. Marr, der bisher als Repräsentant sowjetischer Sprachwissenschaft gegolten hatte. Seine Schüler werden ihre Irrtümer widerrufen und sich Stalins Entscheidung zur Richtschnur nehmen.

Für den Europäer ist das ein Streit um Kaisers Bart. Aber gerade solche Erörterungen werfen ein Licht auf die Struktur dessen, was man im Sowjetsystem unter Wissenschaft versteht: alle Tatsachenforschung hat sich nach Prinzipien zu richten, die in den Schriften von Marx, Engels und Lenin ein für allemal niedergelegt sind und allein von Stalin bindend erläutert werden können. Die drei großen Toten haben die Gesetze entdeckt, die in Natur und Geschichte walten. In allem Grundsätzlichen – Beschaffenheit der Welt, Verhältnis von Mensch und Natur, Gang der Weltgeschichte – bleibt nichts zu erkennen übrig. Die sowjetischen Wissenschaftler (einschließlich der Philosophen) haben nur den Auftrag, die Erkenntnisse der Drei auf neu auftauchende Phänomene anzuwenden. Dabei lenkt sie Stalin und verhindert, daß sie in die Irre gehen. Denn Stalin ist im Besitz der ganzen Wahrheit.

In Moskau, wo keine übernatürliche Offenbarung anerkannt wird, umfaßt die Autorität des Diktators das gesamte Feld der natürlichen Erkenntnis. Sie verfügt über den Stein der Weisen.

Darum kann sie auch in die Zukunft sehen. In seiner Enzyklika über Sprachwissenschaft entscheidet Stalin auch die Frage, welche Sprache die Menschheit sprechen wird, wenn sie ganz sowjetisch geworden ist ("nach dem Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab"). Dann werden sich, dekretiert der Generalissimus, "aus Hunderten von Nationalsprachen die am meisten bereicherten Einzelsprachen in einer gemeinsamen internationalen Sprache verschmelzen, die natürlich weder die deutsche noch die russische oder englische, sondern eine neue Sprache sein wird, die die besten Elemente der Einzelsprachen in sich aufgenommen haben wird".

Stalin der Linguist – diese Metamorphose ist zu beachten. Nicht nur weil sie zeigt, bis wohin die byzantinische Erstarrung des Denkens im Sowjetsystem schon gediehen ist, sondern auch, weil sie verrät, daß alles Streben Stalins auf die Sowjetisierung unseres Planes gerichtet ist.

Damit aber niemand erkenne, daß es sich hier um die Verkündung eines neuen Dogmas handelt, schließt Stalin mit dem Satz: "Der Marxismus ist ein Feind jedes Dogmatismus." C. E. L.