Von Ludwig Heek

Geheimrat Prof. Dr. Ludwig Heck, der 43 Jahre lang Leiter des Zoologischen Gartens in Berlin war, vollendete kürzlich sein 90. Lebensjahr.

In St. Pauli war ich um die Jahrhundertwende Stammgast, weil das ebenso bewegte wie eigenartige Leben und Treiben dort mir gefiel, und zwar nicht nur die Darbietungen, sondern auch das bodenständige Publikum, das sie mit mir genoß. Wenn Hein oder Teedsche von großer Überfahrt zurückkam, und die fällige Heuer ausbezahlt war, wollte er sich doch büschen fix amüsieren, und der Hafenarbeiter mit dem Wochenlohn in der Tasche hatte dasselbe Bestreben. Dafür war St. Pauli da. Wenn’s nur immer gut bekam! Das Zentrum des Vergnügungsviertels waren der Spielbudenplatz und die Reeperbahn, die Bahn der Reeper und Seiler, auf der sie rückwärtsgehend ihre Hanfseile und Taue drehten. Der Spielbudenplatz aber war kein Platz, sondern vielmehr eine sehr breite Straße, an deren beiden Seiten die Etablissements aufgereiht waren, mit Attraktschohn und Konsumptschohn.

Wilhelmine List, geb. Krohn, stand an einem Hause angeschrieben, in meterhohen Buchstaben auf einem großen Schild, das sich über die ganze Fassade hinzog. Als ob diese weiblichen Personalien die wirksamste Reklame wären für das Vergnügungs viertel einer Welthafenstadt! Es war ein Tingel-Tangel alten Stils; aber so ruhig und anständig, daß ich ganz verblüfft war. Auf der sehr erhöhten Bühne, unziemliche Annäherung männlicher Besucher völlig ausschließend, saßen im Halbkreis auf Stühlen das übliche halbe Dutzend Singemädchen, die, eine nach der anderen in die Mitte vortretend, ihre eingelernten Liedchen zum besten gaben. Die Sehenswürdigkeit des Etablissements aber war die Besitzerin selber. Als Pendant zum Klavierspieler, saß unten links vor der Bühne auf einem Stuhl Frau Wilhelmine in braunem Hauskleid, mit weißem, von blauen Bändchen durchzogenen Häubchen, mit Brille – und strickte Strümpfe. Das gab es nicht so leicht zum zweitenmal! Andere Hafenstädte, Rotterdam, Antwerpen, Marseille, hatten schwerlich etwas Ähnliches aufzuweisen!

Als Gastwirt und Tierhändler führte weiter unten am Spielbudenplatz Hein Möller ein Doppelleben. Vorne heraus war er Gastwirt, hinten heraus an der Kastanienallee war er Tierhändler. In seinem geräumigen Lokal spielte ein großes Orchestrion mit beweglichen Figuren in phantastischen Rokokokostümen.

Das Ernst-Drucker-Theater stand ganz allein unten an der Reeperbahn. Dort wurden Hamburger Volksstücke gegeben, wie "Teedsche Eggers in Chikago". Das "Tagebuch einer Verlorenen" sah ich in einem Theater auf der anderen Straßenseite. Es war die Dramatisierung des damals viel gelesenen Sensationsromans einer mannstollen Apothekertochter, deren Laufbahn in der Halbwelt durch frühen Tod bald beendet wurde, nachdem sie es noch zu einem hocharistokratischen Verhältnis gebracht hatte. Der Höhepunkt war eine große Rührszene am Krankenbett. Nicht weit davon spielten zwei Operettentheater. In dem einen erlebte ich die Aufführung der "Rastelbinder", dieses Erstlingswerkes des später so groß gewordenen Lehárs; habe aber zu meinem eigenen Erstaunen nicht ein Textwort und nicht einen Musikton im Gedächtnis behalten. Meine einzige Erinnerung ist die schöne Ottmänn, die als weibliche Hauptperson in der farbenfrohen Slowakentracht mit kurzem Rock und hohen Schaftstiefeln ganz prachtvoll aussah. Das so erfolgreiche Meisterstück Lehárs "Die lustige Witwe", das ihn weltberühmt und zum reichen Manne gemacht hat, jede Nummer ein Schlager, sah ich ganz oben am Millerntor in dem großen Theater, das zu dem Ludwigs-Konzerthaus umgebaut war. Hier erstieg die Ottmann rasch den Gipfel ihres Ruhmes.

Zu dem sinnlich-sentimentalen Liebeswalzer, den sie mit ihrem Partner, dem naturfrischen Tenor Gustav Matzner, in den vielfältigsten Haltungen und Wendungen tanzte, trug sie ein Kleid, dessen langer Rock auf beiden Seiten bis zur Hälfte aufgeschlitzt und mit Querspangen wieder zusammengehalten war, so daß man die Beine sah. Die waren aber wohlweislich von oben bis unten mit Trikot bekleidet. Wirklich nackte Beine öffentlich zu zeigen, hätte man damals nicht einmal einem Ballettmädel zugemutet, und die sittenstrenge Polizei hätte es auch gar nicht erlaubt.