Das Adjektiv national bedeutet, wie im Wörterbuch zu lesen: "die Nation betreffend". Damit stimmt der gute Brauch zusammen, gewisse Tage des Jahres als nationale Feiertage zu begehen. Da feiert nämlich jedermann, die ganze Nation, ohne Rücksicht auf Stand, Amt oder Gebietszugehörigkeit. Die französische Regierung stellt es nicht den Präfekten anheim, ob sie in ihren Departements am 14. Juli zum Tanz auf den Straßen ermuntern wollen, und auch die föderalistischen USA überlassen es nicht den Einzelstaaten, den Unabhängigkeitstag je nach Gutdünken zu begehen oder nicht zu begehen. In der deutschen Bundesrepublik sieht so etwas anders aus. Da hat die Bundesregierung beschlossen, den 7. September (als den Jahrestag der ersten Sitzung der beiden Bonner Parlamente) zum "Nationalen Gedenktag des deutschen Volkes" zu erklären und ihn durch eine Gedenkfeier für die Opfer der jüngsten Vergangenheit zu begehen. Die Regierung beschließt, zu gedenken, die Regierung begeht – und die Nation? Sie hört abends am Rundfunk, daß Regierung und Bundesrat mittags gedacht und vielleicht auch gesungen haben (welches Lied, "als Ersatz für die fehlende Nationalhymne", war bei Redaktionsschluß noch ungewiß). Im übrigen ist es für sie ein Tag wie jeder andere. Die Kinder gehen in die Schule, die Angestellten ins Büro. Alles Sonstige bleibt den Länderregierungen überlassen. Wenn die Nation einheitlich den Tag beginge und das ganze deutsche Volk daran beteiligt wäre, wäre es ein "Nationaler Gedenktag des deutschen Volkes". Aber in einem föderalistischen Obrigkeitsstaat wäre das eine Absurdität.

C. E. L.