Die Urmotive des Films

Von Christian E. Lewalter ewegungsschreiber, Kinematograph, nanntendie Erfinder den Apparat, der einen Vorgang in seinem Verlauf photographisch aufnehmen konnte. Auch Biograph, "Lebensschreiber", wurde in Vorschlag gebracht. Aber der Kinematograph siegte. Die Bewegung ist das Element des "Laufbildes", nicht das Leben, das auch vom ""Standbild" wiedergegeben werden kann.

Cinema heißt noch jetzt im Englischen und in den romanischen Sprachen ebensowohl das Theater, in dem Filme gezeigt werden (das "Kino"), wie der Gesamtbegriff von industrieller Produktion, Kunst und Verkaufsorganisätion, den der Deutsche mit dem Sammelnamen "Film" bezeichnet ("Filmbranche"). In dieser unterschiedlichen Benennung spiegelt sich ein Unterschied der Auffassungen. Denn heute ist die Filmkunst der englisch und romanisch sprechenden Länder viel stärker als die deutsche von der Bewegung bestimmt.

Bewegung ist Ortsveränderung. Dem stillsitzenden Zuschauer zeigt die Leinwand Menschen und Dinge, die ihren Ort verändern. Das ist ihr Vorzug vor der unbeweglichen Bühne. Je mehr ein Film von diesem Vorzug Gebrauch macht, desto "filmischer" ist er.

Der Tonfilm (englisch talkie im Gegensatz zu movie, dem stummen Film, der nur Bewegung enthielt) hat sich durch die Lockung des Dialogs in die Zone des photographierten Theaters bringen lassen. Wie sehr, sieht man in Günther Naumanns kritischer Rückschau "Herrliche Zeiten", an Streifen aus der Früh zeit der "Flimmerkiste", die noch ganz von reiner Bewegung erfüllt sind.

Entkommen, Fliehen, Verfolgen, Hetzjagden mit Auto und Eisenbahn, Stockungen, Hindernisse, Wettrennen – das sind die filmischen Urmotive. Wie alle Märchen mit Verwandlungen zu tun halben, so alle filmischen Filme mit Flucht und Verfolgung. Denn Flucht ist die Bewegung des Menschen (und des Tieres) in ihrer nacktesten Form: als Bewegung für Erhaltung des Daseins. Und Verfolgung ist der in Bewegung gezeigte Kampf gegen das Böse (oder was dafür gehalten wird).

Die Filmkunst hat sich nach dem Kriege – durch manche Erfahrung der Wirklichkeit darauf gestoßen – mehr und mehr auf ihren Ursprung besonnen. Lindtbergs "Letzte Chance Israel Beckers "Langer Weg", Yorks "Morituri", René Cléments "Boot der Verdammten" erzählten jeweils die Geschichte einer Massenflucht. In Julien Duviviers "Panik" brauste die Jagd nach dem Verdächtigen wie ein stürmisches Finale auf. Carol Reeds "Odd man out" sezierte die Flucht des Rebellen in lauter feine Phasen, und desselben Regisseurs "Dritter Mann" gab eine ingeniöse Variante des Urthemas: Flucht und Verfolgung in den Kloaken. In der "Mexikanischen Legende" des großen Fernandez ist jede stillere Stelle eine "Ruhe auf der Flucht".