Die "Jungfernfahrt" der "Liberté"

Vor kurzem traf der französische Luxusdampfer "Liberté" auf seiner "Jungfernfahrt" in New York ein. Die amerikanische Presse schenkte dem Ereignis, das in der Atmosphäre einer großen gesellschaftlichen Sensation vor sich ging, die größte Aufmerksamkeit. Einige Zeitungen machten Sonderbeilagen, andere veröffentlichten Interviews mit Offizieren und Passagieren des Schiffes. Die Bezeichnung "Jungfernfahrt" war eine galante Übertreibung. Denn die "Liberté" ist in Wirklichkeit die alte "Europa", anfangs der dreißiger Jahre vom Norddeutschen Lloyd in Dienst gestellt, als schnellstes Schiff mit dem "blauen Band" ausgezeichnet, und den New Yorkern daher wohlbekannt. Zum letzten Male hatte sie als deutscher Passagierdampfer den Hafen von New York vor elf Jahren verlassen, als sie sich beeilen mußte, vor Kriegsausbruch nach Hause zu kommen. Einmal war sie dann noch, als amerikanischer Transporter, unmittelbar nach Kriegsende im New Yorker Hafen gewesen. Dann wurde sie auf Reparationskonto an Frankreich ausgeliefert und nach Le Havre gebracht, wo sie renoviert und 1947 in Dienst gestellt werden sollte. Aber das Schiff, das schon einmal Pech gehabt hatte, als es vor der Fertigstellung im Hamburger Hafen ausbrannte, hatte auch jetzt wieder Unglück. Im Dezember 1946 wurde es von einer schweren Sturmflut gegen ein Dock geschleudert und aufs schwerste beschädigt. Dadurch wurde aus der Renovierung beinahe eine Art von Neubau, so daß der Präsident der französischen Schiffahrtslinie, der das Schiff jetzt gehört, sagen konnte, es handle sich nun um ein "total anderes Schiff".

Trotz des gründlichen Umbaus, der nicht weniger als 19,5 Millionen Dollar gekostet hat, schrieben die New Yorker Zeitungen bei der Ankunft, daß sich das Schiff äußerlich kaum verändert habe. Die großen Veränderungen sind im Innern des Riesendampfers vorgenommen worden. Die "Liberté" ist vor allem viel luxuriöser als die "Europa". Um dies zu ermöglichen, wurde die Kapazität von 2200 auf 1513 Passagiere herabgesetzt – mit 1246 Fahrgästen kam die "Liberté" in New York an. Gewaltige Gesellschaftsräume, ein Speisesaal mit nicht weniger als 491 Plätzen, Bars, Bibliotheken, alles in luxuriösester Ausstattung, werden den Fahrgästen, die allerdings zum größten Teil den wohlhabendsten Schichten angehören werden, die paar Überfahrtstage zu einem Vergnügen machen. Der billigste Fahrpreis in der I. Klasse beträgt 330 Dollar. Um die Stabilität zu erhöhen, hat das Schiff noch 2500 Tonnen Ballast erhalten, ohne Rücksicht darauf, daß dadurch die Geschwindigkeit etwas beeinträchtigt wird, die jetzt bei einer Maschinenleistung von 120 000 PS 23 Knoten beträgt. Hierüber hat sich der Kapitän geäußert: die "Liberté" werde keinen Geschwindigkeitsrekord anstreben, wohl aber die Anerkennung, "welche amerikanische Fahrgäste der traditionellen französischen Küche, dem Komfort und der Atmosphäre zollen". Zwanzig Jahre nach ihrer Fertigstellung als "Europa" ist die "Liberté" heute noch mit ihren 49 850 Tonnen das drittgrößte Passagierschiff der Welt. F.