In einer kleinen Stadt im Norden, über deren Dächern vom November bis zum Frühjahr der Nebel liegt, wird an einem Herbsttag der Schuldiener des Gymnasiums ermordet. Die Nachforschungen bringen eine Kette von Verfehlungen ans Licht – eine Kette von Schuld und Korruption des Ermordeten und aller derer, die mit ihm in einem Zusammenhang standen. Nur der Mörder selbst bleibt vorläufig noch unentdeckt. Unter dem unbestechlichen Blick eines nüchternen Kriminalkommissars lichtet sich der Nebel: es stellt sich heraus, daß der Klassenlehrer der Oberprima eine Liebschaft mit einer sechzehnjährigen Schülerin hat, daß der Direktor die eigene unfähige Tochter als Lehrerin einstellte, daß der Ermordete den Primanern die Abiturarbeiten sowie Schnaps und Zigaretten für Geld verkauft hat. Schließlich findet sich auch der Mörder. Es ist der einzige, von dem man bisher annahm, daß sein Charakter keine zweite schräge Dimension habe. Und er hat den Schuldiener tatsächlich fast nur in Notwehr, jedenfalls als Angegriffener in einem Streit getötet. – Als der Kriminalkommissar mit dem nüchternen Blick bis zur Entlarvung des Mörders gekommen ist, tippt er befriedigt an seinen Hut und verläßt die Stadt, die hinter ihm im Nebel versinkt.

Dies ist nicht nur der Inhalt eines der besten deutschen Nachkriegsfilme, des CCC-Kriminalfilms "Fünf unter Verdacht" – sondern es ist zugleich eine deutliche Erklärung für den Vormarsch, auf dem sich der Kriminalfilm heute überall in den Kinos der Welt befindet. In den turbulenten Nachkriegsjahren war unser aller Leben bisweilen aufregender als der aufregendste Kriminalfilm. Wohl jedermann hat sich in diesen Jahren, streng genommen, einmal gegen die "Gesetze" vergangen, und es gab für jeden Situationen, in denen es ihm sehr unangenehm gewesen wäre, hätte die Polizei eine Haussuchung bei ihm durchgeführt. Es war die Not, die die Menschen an ihrem eigenen Leben in Abenteuer hineintrieb, vor denen sie wenige Jahre zuvor, wenn sie nur von ihnen gelesen hätten, noch zurückgeschreckt wären. Trotz der scheinbaren Konsolidierung eines bürgerlichen Lebens nach dem Kriege – wie es in Deutschland nach der Währungsreform eintrat – erscheint den meisten auch heute noch das Leben wie ein Kriminalfilm oder kann doch wenigstens in jedem Augenblick wieder dazu werden. Unsicherheit und Bodenlosigkeit, seit jeher die beiden Grundkategorien für jede Kriminalfilmexistenz, sind heute weitgehend die Grundkategorien des realen menschlichen Lebens geworden. Das ist auch ein Teil des Geheimnisses von Carol Reeds Erfolgsfilm "Der dritte Mann" (so wie es das Geheimnis für den Erfolg des Schriftstellers Graham Greenes ist).

Dadurch hat sich für den Kriminalfilm ein ganz neuer Typ des "Helden" ergeben. Gerade in den oben erwähnten Filmen – in dem englischen "Third Man" und dem deutschen "Fünf unter Verdacht" – werden sie ganz deutlich. Der Held ist der nüchterne, kühle Aufklärer, unbestechlich und kein, Draufgänger, weil er gegen Abenteuer absolut immun ist. Das einzige Abenteuer des Majors Calloway aus dem "Dritten Mann" ist die Gerechtigkeit (und die ist freilich in einer Welt des ethischen Zwielichts eigentlich das größte). Bei diesen "Helden" kann die ethische Basis aber auch ruhig wegfallen: dann werden sie zu absolut sicheren Jagdhunden auf der Spur menschlicher Unzulänglichkeiten und Verfehlungen, unbestechlich und kalt, Wesen, mit denen die "Straffälligen" – will sagen: fast die gesamte übrige Menschheit – überhaupt nicht mehr in ein Gespräch kommen können.

Die Grundlage der Existenz dieser Helden besteht in der absoluten Sicherheit und der Ruhe, die sie ausstrahlen. Und durch diese Eigenschaften werden sie nun wieder zu echten Filmhelden, wenn man unter dem Filmhelden ein Wunschbild verstehen will, zu dessen Realisierung den Menschen im Parkett die Fähigkeiten meistens fehlen. Dies ist der seltsame Zirkel des heutigen Kriminalfilms: Von der Abenteuer-Illusion hinweg in die Realität und von der Realität wieder zur Illusion menschlicher Unbestechlichkeit und fast gefühlloser Exaktheit. Paul Hühnerfeld