Von Claus Jacobi

Berchtesgaden, im September

Hoch auf Bergeshöhe gedenke ich der Tante. – Ich hatte eine Tante, die zog alljährlich gen Süden, um auf dem Obersalzberg ein Häuflein Erde in einen kleinen Beutel zu scharren. Keine gewöhnliche Erde, beileibe nicht, sondern geheiligter Boden, über den der Führer geschritten war. So jedenfalls hoffte sie. Die Tante lebt noch. Ihr Führer ist tot. Auf dem Obersalzberg aber wird hoch immer gescharrt.

Amerikaner sind’s, sie suchen Souvenirs. Viel ist hier oben allerdings nicht mehr zu finden. Hitlers Haus, der Berghof, ist ausgebrannt. Die SS war es, die dort Hand anlegte, im April 1945, wenige Wochen vor der Kapitulation. Mit Görings Haus, Bormanns Residenz und ihren eigenen Platternhof-Kasernen – das alles lag dicht beieinander – hatten die SS-Männer nicht soviel Mühe. Sie waren schon zerbombt. Und so stolpert denn heute der Besucher über Schutt und Trümmer, geführt von einem einheimischen Wicht, der fließend Berchtesgadener Englisch spricht, und mit seiner Hilfe und an Hand von Postkartenserien kann man sich die Erinnerung zurückrufen. Es sind Postkartenserien, die von der Mutter des kleinen Fremdenführers in Hitlers Wohnzimmer verkauft werden und auf denen die ganze innere Gräßlichkeit des Berghofs für die Nachwelt festgehalten wurde. So also hatte sich der kleine Schicklgruber die große Welt erträumt! Ein wenig zweifelnd schaut man aus dem berühmten großen Fenster, an dem der "Führer" Weltpolitik erdacht haben mag – einen Globus in Reichweite, wie aus den Postkarten hervorgeht –, und man sieht, wie auf dem Balkon des Hauses ein rundlicher Amerikaner mit Leica seine Frau gerade in jene Position zu dirigieren sucht, in der eine Aufnahme aus den dreißiger Jahren den Adolf Hitler festgehalten hat.

Das alles wäre ziemlich langweilig. Allein es gibt zwei Attraktionen, auf dem Berg, zu dessen Füßen Berchtesgaden liegt. Die eine wurde auf dem Gipfel der Macht 1938 auf dem Gipfel des Berges erbaut. Die andere in den letzten Kriegsjahren, als schon die Dunkelheit herabsank, in das Dunkel des Felsens hinein: das Teehaus, Hitlers Adlerhorst, und der Bunker im Obersalzberg ...

65 glitschige Marmorstufen führen hinab in das großdeutsche Reduit. Vier Kilometer tief sind die Stollen in den Berg getrieben – zweistöckig. Im oberen Geschoß liegen die Appartements für Hitler, seinen Leibarzt Dr. Morell, Eva Braun, Göring, Bormann und die SS-Wachen; Baderäume, Küchen und Konferenzzimmer; an jedem Ende eines Stollens ist ein selbst heute nur schwer zugängliches MG-Nest eingebaut. Und das alles ist ausgebrannt, tot, rauchgeschwärzt. Im unteren Stockwerk standen die Maschinenanlagen, Transformatoren, Wärme-, Lüftungs- und Kühlmaschinen. Die Amerikaner haben sie fast alle abtransportiert, manche von ihnen waren noch nie benutzt worden.

Drei Jahre lang wurde an dieser Höhle gebaut. 1941,nach dem Kriegseintritt Amerikas, gab Hitler den Auftrag, 1944 wurden die Arbeiten eingestellt. Was Hitler sich aber dabei gedacht hat, ist unklar. Glaubte er wirklich, sich eines Tages in den Berg zurückziehen zu können? Dachte er, daß eine mit MG augestattete Bergfestung uneinnehmbar sei? Niemand weiß es. Aber der Bau des Bunkers ist ein vollkommenes Spiegelbild des Niederganges der Hierarchie des Dritten Reiches. Die Ausgänge zu Görings Haus wurden nicht einmal fertiggestellt. Göring war offenbar schon 1944 nicht mehr für wert befunden worden, im Unterschlupf mit Platz zu finden. – Einige hundert Meter oberhalb des Berghofs erblicken wir wieder das Licht des Tages, das heißt das Licht, das durch die zerborstenen Wände von Bormanns Residenz in deren Keller fällt. Dezimeter hoch liegen hier Scherben von Rot- und Weißweinflaschen und zersprungenen Sektgläsern. "Er war ein munterer Vogel", sagt unser Fremdenführer. Werweiß, woher er’s weiß ...