Die juristische Grundlage der ERP-Verträge zwischen den USA und den Marshall-Plan-Teilnehmerstaaten ist das Washingtoner Auslandshilfegesetz. Sein Artikel 117d besagt, daß der ERP-Administrator Hoff man angewiesen ist, die Lieferung von (Marshall-) Waren zu untersagen, die "von den Teilnehmerstaaten zur Produktion von Ausfuhrgütern zum Verkauf an den Ostblock verwendet werden, wenn für die gleichen Ausfuhrgüter keine Ausfuhrgenehmigung (für den Ostblock) in den USA erteilt" werden würde. Bezieht man einen rein wirtschaftlichen Standpunkt, so ist 117d der politische Pferdefuß des ERP; denn die im Außenhandel sonst so großzügigen Amerikaner haben eine peinlich deutliche, lange Restriktionsliste für Exporte in den Moskauer Machtbereich, so daß ihre Ausfuhr hinter den Eisernen Vorhang nur noch ein Minimum der einst "normalen" Quote beträgt – ganz abgesehen von den Pacht-Leih-Lieferungen während des Krieges. Wer also Marshall-Dollar haben will, muß seine Osthandelspolitik mit dem Artikel 117d in Einklang bringen.

Nun, solange es keinen Fall Korea gab, der endlich den im Reden geübten, im Handel trägen Staatsmännern der westlichen Welt die Augen öffnete, wurde 117d nicht so genau genommen. Und: was heißt eigentlich "Rüstungsgüter" und "zur Rüstung geeignete Produktionsmittel", auf die die USA, kriegspolitisch vernünftig, mit ihren Exportverboten abzielen? Wo fängt es mit dieser Begriffsbestimmung an, wo hört es auf? Im totalen Krieg ist, das sollte man nun doch gelernt haben, beinahe jede Ware Kriegspotential.

Die Diskussion ist in vollem Gange. In Washington wird man strenger die Lieferungen der westlichen Welt in die östliche Hemisphäre prüfen. Die Atlantikpaktmächte beraten einheitliche Sperrlisten; sonst würden sie sich ja gerade den potentiellen Kriegsgegner großziehen, dessen Macht sie schon jetzt fürchten, sonst bekämen sie ja weder amerikanisches Rüstungsmaterial noch Marshall-Dollar zur wirtschaftlichen Erholung, Man schwankt zwischen politischer Notwendigkeit und wirtschaftlichem Interesse: denn daß der rote Handel lockt, das steht außer Frage. Ohne Einsatz knapper Dollar kann man hier Ware gegen Ware tauschen. Der Westen bezieht vornehmlich Nahrungs- und Futtermittel, Holz, Häute und Felle, etwas .Erz und liefert dafür meist Dinge, für die – bis zur jetzigen Konjunktur – Dollar nicht zu bekommen waren. Und wenn der Osten bestellt, dann gibt er, seiner Wirtschaftsstruktur entsprechend, Globalaufträge, die die in Frage kommenden Unternehmen auslasten. Der einzelne die Sowjets beliefernde Produzent im Westen sagt daher – betriebswirtschaftlich gesehen mit vollem Recht –, daß die Russen gute Geschäftspartner seien. Er nützt folglich den politisch gezogenen Rahmen gern aus, zumal er weiß, daß der Ostblock für Dinge, die dort knapp sind, gut bezahlt.

So wird verständlich, warum Craven Brothers, die zweitgrößte britische Werkzeugmaschinenfabrik, auf vollen Touren für sowjetische Rechnung läuft; warum Churchill und Attlee in aller Öffentlichkeit über dieses 3-Mill.-Dollar-Projekt (aus dem englisch-sowjetischen Handelsvertrag) diskutieren; warum die malayische Gummiausfuhr nach den UdSSR unterbunden werden soll; warum in Paris über den Export von 50 000 t Stahlplatten in den Moskauer Bereich die Zeitungen, je nach politischer Einstellung, frohlocken oder verzagen; warum die westdeutschen "Souveräne", die Hohen Kommissare nämlich, zum Ostexport bestimmte Kugellager, Reifen, Lastwagen oder Werkzeugmaschinen an der Zonengrenze zurückhalten. In der Idee hat der Petersberg Recht; denn: ob man will oder nicht, der Machtkampf zwischen Ost und West hat gegenwärtig den Vorrang. Hier wird entschieden, ob der Westen in Frieden seinem freien wirtschaftlichen Tun nachgehen kann oder nicht. Doch – ein "Loch im Westen", ob in Schweden oder Tanger, und der Plan, den potentiellen Gegner die Mittel zu entziehen, die ihn erst zum Feind werden lassen, ist zunichte. Wie sagt doch der ostzonale Außenhandels – Minister Handke? Lächelnd erklärt er immer wieder: "Was euch Westzonalen der Petersberg heute zur Lieferung in unseren Bereich ablehnt, wird uns morgen von anderer westlicher Seite angeboten!" W–n.

Wenn "Die Zeit" nun einem westdeutschen Kaufmann, der Nicht-Rüstungsgüter anzubieten hat, das Wort gibt, dann tut sie das, um die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die dazugehörige Verhandlungstechnik (immer im Rahmen der politisch gezogenen, engen Grenzen) zu zeigen. – Herr E. Dobbertin konnte die Vorkriegsbeziehungen seines Hauses zu Ungarn und zur Tschechoslowakei erfolgreich wieder aufnehmen.

Wie sieht es heute in wirtschaftlicher Hinsicht in Länden aus, die durch den "Eisernen Vorhang" unseren direkten Blicken entzogen sind? Und auf welche Weise kann unsere Industrie die abgerissenen Geschäftsbeziehungen in einer der neuen Situation entsprechenden Form wieder anbahnen? Hierbei muß man von vornherein ohne Ressentiments klar erkennen und entsprechend beachten, daß die wirtschaftliche Struktur sich gegenüber früher einschneidend geändert hat. Weder in Ungarn noch in der Tschechoslowakei‚ für die diese Ausführungen insbesondere Gültigkeit haben, gibt es noch das freie Unternehmertum. Die gesamte Volkswirtschaft ist in beiden Ländem verstaatlicht und wird zentral "gesteuert".

Wiederholte Besprechungen mit zuständigen Fachreferenten haben bewiesen, daß diese staatlichen Stellen ihre Aufgaben sehr ernst nehmen. Es ist in weitem Maße sogar gelungen, wirkliche Fachleute mit den einzelnen Wirtschaftsaufgaben zu betrauen. Die Bemühungen der deutschen Industrie, ihre Erzeugnisse wieder in diesen Ländern abzusetzen, wurden also allenthalben begrüßt, da man sie noch als konstruktiv fortschrittlich und qualitativ hervorragend in bester Erinnerung hat. Die persönliche Aufnahme war überall liebenswürdig. Einen kleinen Beweis hierfür mag man darin sehen, daß in allen Verhandlungen nur deutsch gesprochen wurde.