Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Titoismus.". Wer diese Variation des berühmten ersten Satzes aus dem kommunistischen Manifest von 1849 wagt, macht heute keinen schlechten Scherz mehr. Denn selbst in der KPD, dem verlängerten Arm Moskaus in der Bundesrepublik, gärt es seit langem. Zwischen München, Frankfurt und dem Ruhrgebiet werden seit Wochen heimliche Gespräche über die Organisationeiner Unabhängigen Kommunistischen Partei geführt, und man schätzt die Zahl der aktiven "Titoisten" auf etwa 2900. In Düsseldorf erschien im vergangenen Monat die erste Ausgabe einer unabhängigen kommunistischen Zeitung. Und sogar Parteichef Max Reimann entging, wie man weiß, dem Bannstrahl Moskaus nur dadurch, daß er seinen Stellvertreter Kurt Müller dem Politbüro zum Fräße vorwarf. Und nun hat sich auch im linientreuen roten Hamburg der Kern einer Widerstandsgruppe gebildet...

In Tausenden von Exemplaren wurde in diesen Tagen von Jungkommunisten und FdJlern ein gespenstisches Flugblatt von Hand zu Hand gegeben. "Dank dem KPD Patenonkel" – so beginnt es. Es geht um die Hintergründe des von den westdeutschen Behörden verbotenen und dennoch vermutlich Anfang Oktober in Dortmund stattfindenden "Treffens der Hunderttausend". Denn, so lautet der Aufruf: Patenschaft für das Treffen der Hunderttausend ... Das ist natürlich die 250 000 DM wert, die allein in Hamburg für diesen Zweck ausgeschüttet werden! Freunde, erkennt die Gefahr! Wir wollen ohne Patenonkel für den Frieden kämpfen. Gemeinsam mit der Jugend der gesamten Welt! Schluß mit der Parteitotalität!" Unterzeichnet ist das Blatt nicht weniger gespenstisch mit: "Freundschaft".

Das Flugblatt zeigt, worin sich die Hamburger Widerstandsgruppe von den offiziellen Titoisten in der Bundesrepublik unterscheidet. Während sich der größte Teil jener aus ehemaligen KP-Funktionären rekrutiert, die den Säuberungswellen der letzten Monate zum Opfer fielen, arbeitet die Hamburger Gruppe – wie übrigens auch eine ähnliche Zelle in Frankfurt – illegal. Das bedeutet nichts anderes, als daß bis zur Stunde die Mitglieder der Hamburger Zelle noch immer unerkannt der KPD angehören, als Mitglieder oder Funktionäre, ja sogar in Hamburgs Hauptquartier in der Ferdinandstraße ungehindert aus- und eingehen. Sie alle führen ein Doppelleben. Offiziell plärren sie Stalins Phrasen nach, preisen die Vollendung des sowjetischen Systems und applaudieren ihrem Führer Willi Prinz; im Geheimen arbeiten die Verschwörer am Aufbau einer straffen eigenen Organisation, planen die nächste Aktion und reden sich im jugendlichen Eifer die Köpfe heiß über die reine Lehre der Lenin, Marx und Engels. Der unterirdische Kampf in Hamburgs KP hat begonnen.

Die Widerstandsgruppe der unabhängigen Kommunisten umfaßt schon heute mehr als 100 Mitglieder. Sie erstreckt sich bis hinein in die Universität, bis unter jenekommunistischen Studenten also, deren "makellose Haltung" in der Sowjetzonenpresse noch vor kurzem nicht genug gerühmt werden konnte. Marx, nicht Stalin –: das ist ihr Leitfaden. "Wir brauchen die Sowjetunion nicht", sagt ein Führer der Illegalen, "wir wollen keine russischen Zustände. Wir wissen aber, und haben es am eigenen Leibe bei unserer Arbeit als Funktionäre erfahren, daß der Kommunismus, der von oben gepredigt und gehandhabt wird, nichts anderes ist als stalinistische Diktatur. Die Unzufriedenheit ist daher groß unter den Genossen, besonders unter den Jüngeren". Und nach einer Pause: "Die KPD Hamburg wird, wie alle kommunistischen Organisationen in der Bundesrepublik, von drüben bezahlt, und nicht zu knapp, erhält von drüben ihre Befehle, und wer ihr unbequem ist, der wird nach drüben gebracht. Doch die Ferdinandstraße steht hilflos einem Gegner gegenüber, der ihre Methoden kennt, jeden ihrer Beschlüsse erfährt und dessen Namen sie nicht einmal weiß."

Das Fernziel der Illegalen ist der "nationale Kommunismus". Sie machen keinen Hehl daraus, was das bedeutet: "Natürlich würden auch wir die erste Zeit hart durchgreifen, und uns nicht von fremden Elementen in die Arbeit hineinpfuschen lassen." Aber ebenso töricht wie die Behauptung, daß nur Kommunisten den Stalinismus bekämpfen könnten, wäre die Politik, auf Grund dieser Kampfansage für die Zukunft in das andere, mancherorts bereits vertretene Extrem zu verfallen und . jeden Pakt mit den Abtrünnigen Moskaus abzulehnen. Die KP in Deutschland ist, wie in fast allen Ländern in einen circulus vitiosus geraten: Aus ihren Niederlagen entspringen Reinigungen, Säuberungen und verschärfter Befehlsempfang aus dem Osten. Dieser Druck wiederum erzeugt Unzufriedenheit und Rebellentum unter den Funktionären. Einstweilen hat der Westen nur dafür zu sorgen, daß der Kreis geschlossen bleibt. Dann kann man weiter sehen. C. J.