Den nachstehenden. Aufsatz überdie Entwicklung in der Lebensversicherung – also jener Sparte, die das "große Publikum" wohl am stärksten interessiert – verdanken wir Herrn Dr. H. Hitzler (Hamburg), dem Vorsitzenden des Vorstandes der Hamburg-Mannheimer Versicherungs-A.G.

Soweit sich die Tagespresse in den letzten beiden Jahren mit der Lebensversicherung beschäftigt hat, geschah dies vorwiegend in dem Sinne, daß die Funktion der Lebensversicherung als die eines volkswirtschaftlichen Kapitalsammelbeckens behandelt wurde. Das ist verständlich, denn nach der Währungsreform kam zunächst alles darauf an, der Wirtschaft für den Wiederaufbau langfristige Anlagemittel zur Verfügung zu stellen. Soweit solche Mittel nicht, wie bei weiten Teilen des Handels und der Industrie, durch Selbstfinanzierung geschafft werden konnten, kamen neben den (durch die überhöhten Steuern gespeisten) öffentlichen Kassen lediglich die traditionellen Sammelbecken der Spargelder in Frage Von diesen Sammelbecken war zunächst nur das der Lebensversicherung ergiebig; ihr gelang es als einziger Einrichtung, in dem durch die Währungsreform ausgelösten Wettlauf der Deckung des Bedarfs an langentbehrten Konsumgütern mit dem Spargedanken erfolgreich zu bleiben. So konnten die deutschen Lebensversicherungsunternehmen bereits in den ersten sechs Monaten nach der Währungsreform. fast 100 Mill. DM und im folgenden Jahre 350 Mill. DM langfristige Kapitalanlagen vornehmen. Im Jahre 1950 werden die Kapitalanlagen nicht viel unter 400 Mill. bleiben. So klein diese Zahlen im Vergleich zu den Anlagen der Lebensversicherung in früheren Jahren auch sind, so bedeutend sind sie jedoch unter den gegenwärtigen Verhältnissen

Die Tätigkeit der Lebensversicherungsgesellschaften als Befruchter des langfristigen Kapitalanlagemarkts ist aber nur eine Seite – gewissermaßen die Nebenseite – ihrer Tätigkeit. In erster Linie sind sie Versicherer. Durch den Versicherungsvertrag gewähren sie Versorgung der Hinterbliebenen beim Tode des Versicherten und eine Versorgung für das eigene Alter. Rund 42 Mrd. RM Versicherungssumme waren bei den deutschen Lebensversicherungsgesellschaften gegen Ende des Krieges in Kraft. Von diesem Versicherungsbestand lief gut ein Drittel in den abgetrennten Ostgebieten, in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und im Saargebiet; dies ist durch Enteignung verlorengegangen. Der verbliebene Bestand ist durch die Gesetze zur Währungsreform auf DM umgestellt worden. Dabei hat lich im rohen Durchschnitt eine Minderung der Versicherungssummen um etwa 40 v. H. ergeben. In diesen umgestellten Bestand sind nun weitere Lücken gerissen worden, nicht zuletzt, weil ein großer Teil der Versicherten infolge der Veränderung ihrer wirtschaftlichen Lage durch die Währungsreform zur Weiterzahlung der Prämien nicht mehr in der Lage war. Immerhin ist der jetzt laufende Versicherungsbestand recht beträchtlich; es sind rund 12 Mrd. DM, zu deren Zahlung sich die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften ihren Versicherten gegenüber verpflichtet haben.

Der erfreuliche Umstand ist der große Zugang an neuen Versicherungen seit der Währungsreform. Das Vertrauen in die Lebensversicherung und die Vorstellung, daß es für weiteste Teile der Bevölkerung kein besseres Mittel für die Alters- und Hinterbliebenenversorgung gibt als die Lebensversicherung, ist unerschüttert. Rund 4 Millionen Versicherungsscheine über 4,5 Mrd. DM Versicherungssumme wurden seit der Währungsreform neu ausgestellt. Dies ist eine bedeutsame Leistung des Werbe- und Außendienstes der Gesellschaften – eine Leistung, die allerdings nicht ohne gegenüber früher stark erhöhte Kosten erzielt werden konnte.

Das nur sehr schwer zu meisternde Kostenproblem ist im übrigen die Hauptsorge der Gesellschaften. Die Prämiensätze der Lebensversicherung sind, im Gegensatz zu den Preisen, seit Jahrzehnten nicht erhöht und in vielen Fällen sogar gesenkt worden. Die persönlichen und sachlichen Kosten sind aber stark gestiegen. Gleichzeitig ist die Höhe der Durchschnittsversicherungssumme gefallen, was einer weiteren mittelbaren Verteuerung gleichkommt, da ja die Verwaltung einer hohen Versicherungssumme nicht teurer ist als die einer niedrigeren. Es wird noch mächtiger Anstrengungen der Gesellschaften bedürfen, die Verwaltungskosten wieder auf das in der Primienkalkulation vorgesehene Maß zurückzuführen. Bei den beiden anderen Faktoren der Prämienkalkulation liegen die Verhältnisse etwas günstiger. Die Sterblichkeit verläuft befriedigend, so daß vom nächsten Jahr ab (nach Abbau der noch für dieses Jahr für die umgestellten Versicherungen geltenden sogenannten Mehrleistungen im Todesfall) wieder mit normalen Verhältnissen gerechnet werden kann. Die Zinserträge haben als Folge der Neuanlagen eine leicht steigende Tendenz. Sie werden aber erst dann in der Ertragsrechnung spürbar ins Gewicht fallen, wenn seitens der Länder mit der Tilgung der niedrig veizinsten Ausgleichsforderungen begonnen wird.

In ihrem Umfang stark beschnitten, in ihrer Ertragslage aufs äußerste bedringt, aber in ihrer Sicherheit völlig unerschüttert ist die deutsche Lebensversicherung aus der Währungsreform hervorgegangen. Bei ihrer in den großen Zugangszahlen zum Ausdruck kommenden Dynamik wird sie bald wieder normale Zustände hergestellt haben und dann wieder mit Beitragsrückvergütungen an die Verbilligung des Versicherungsschutzes gehen können.