Von Walter Fredericia

Die welche mit Spinoza leugnen, daß es außer dem Staat ein Recht gebe, verwechseln die Mittel, das Recht geltend zu machen, mit dem Rechte. Des Schutzes ist das Recht freilich nur im Staat versichert, aber es selbst ist von diesem unabhängig vorhanden.

Schopenhauer

In der Auseinandersetzung um die Mitbestimmung in der Wirtschaft wurde mehrfach eine Kundgebung des Bochumer Katholiken-Tages zitiert, wonach die Mitbestimmung in sozialen, personellen und wirtschaftlichen Fragen „ein natürliches Recht“ sei. Der Versuch, der Mitbestimmung auf diese Weise eine sehr hohe Dringlichkeit, zumindest in den Kreisen des Katholizismus zu verschaffen, ist insofern mißglückt, als der Papst selbst vor einiger Zeit den Katholiken-Tag desavouierte, indem er auf dem Kongreß für internationale Sozialstudien erklärte, ein Mitbestimmungsrecht sei weder in der Natur des Arbeitsvertrages noch des Betriebes begründet und es bestehe keine Notwendigkeit, den Lohnvertrag dem Gesellschaftsvertrag anzupassen. Der Vorgang zeigt, wie sehr über Bedeutung und Inhalt des Naturrechts Unklarheit herrscht. Sie führt dazu, daß Ansprüche für „natturrechtlich“ erklärt werden, weil man sie für zweckmäßig hält, für ihre Verwirklichung aber anderweitig keine Argumente vorfindet.

Positiv und direkt zu sagen, was Naturrecht sei, möchte etwas schwierig sein, nachdem der (oben von Schopenhauer kritisierte) Rechtspositivismus lang genug vorgetragen hat, daß Recht immer nur positives Recht, also nicht mehr und nicht weniger als die Gesetzessammlung sei. Indessen haben die Philosophien schon vor 2500 Jahren festgestellt, daß manche Gesetze, ob nun von einer Mehrheit oder von einem Tyrannen erlassen, das Attribut der Gerechtigkeit nicht verdienen, daß es also ungerechte Gesetze nicht Aus dieser unvermeidlichen Beobachtung gibt. sich das Naturrecht ab: das Naturrecht ist dasjenige, was uns instand setzt festzustellen, ob ein Gesetz ungerecht ist. Es ist hier mit Absicht eine negative Formulierung gebraucht; denn das Naturrecht, das die Kehrseite der Moral ist, ist wie diese nur negativ erfaßbar. Es besteht aus lauter Verboten, die schon die alte Philosophie auf ein einziges reduziert hat, nämlich auf das, was sich in dem Satz Neminem laede – „Verletze niemand“ zusammenfassen läßt.

Auf dem Wege dahin lagen große Schwierigkeiten und zahllose Irrtümer. Die alten Philosophen, die Vorsokratiker und die Sophisten, aber auch Aristoteles, der als erster die Ethik systematisch behandelt und auch über die Existenz des Naturrechts bereits Klarheit besessen hat, waren unermüdlich in dem Versuch, das Gute zu definieren, wobei sie trotz der löblichsten Formulierungen erfolglos blieben. Entweder sagten sie, das Gute sei, was der Mensch anstrebt, dann war ihre Definition falsch, weil sie jeder Erfahrung widersprach. Oder sie sagten, das Gute sei, was der Mensch anstreben sollte, dann war die Definition inhaltsleer, weil sie im Dunkel ließ, woher dieses Sollen sein Akkreditiv erhielt es sei denn, man wollte den 2000 Jahre später von Kant aufgestellten Kategorischen Imperativ dafür gelten lassen, der aber, weil rein formal, seinerseits auch nur scheinbar ist. Auf dieser Schwierigkeit der Definition des Guten beruht – sonst könnte man etwa sagen: Recht ist, was gut ist – die Schwierigkeit des Naturrechtsbegriffs, der in dem Neminem laede eigentlich als ein Aperçu zum Ausdruck kam. Erst wenn man sich klargemacht hat, daß vom positiven Unrecht, das als-Verletzung eines anderen jeder kennt, ausgegangen werden und das unmittelbar moralische Recht als der Gegensatz dieses Unrechts aufgestellt werden muß, wird das Problem lösbar. Dann ist aber auch leicht einzusehen, daß das Naturrecht, da es nur aus Verboten besteht, keineswegs einen Anspruch auf die Ausführung von Handlungen enthalten kann, die uns, weil in der Physis begründet, als „natürlich“ erscheinen mögen. Natürlich zum Beispiel sind die Triebe, natürlich ist auch, was man als „Recht des Stärkeren“ zu bezeichnen pflegt, was aber korrekt die Macht des Stärkeren heißen müßte. Das Recht in dem hier verstandenen Sinn ist überhaupt kein Anspruch, sondern es gibt nur die Grenzen an, innerhalb derer gehandelt werden darf. Als Anspruch ließe es sich nur in einer einzigen Beziehung aufstellen, nämlich als der Anspruch, nicht verletzt zu werden. Damit fallen solche Naturrechtslehren, wie z. B. die des Sophisten Kallikles, der das positive Gesetz als eine naturwidrige Beschränkung der menschlichen Freiheit, nämlich als einen Versuch der Schwachen bezeichnet, sich durch Rechtsgleichheit vor dem „natürlichen Recht“ der Starken zu schützen – Auffassungen übrigens, denen man unter der Marke Naturrecht auch heute noch begegnet, namentlich unter Positivisten, die den Naturrechtsbegriff kompromittieren möchten. Die Philosophie des Kallikles, die sich auf den Satz reduzieren ließe, Recht ist, was natürlich ist, ist jedenfalls schon durch die Stoiker überwunden gewesen.

Die stoische Schule, die so den Inhalt des Rechts erfaßt – und deshalb einen nachhaltigen Einfluß auf die Rechtsphilosophie von zwei Jahrtausenden geübt hat, hielt emphatisch am unabänderlichen und ewigen Naturrecht fest, das sie aber gleichzeitig als ein Vernunftgesetz und ebenso als Folge – oder Bestandteil – der Socialtas (Sozialwesenhaftigkeit) des Menschen erkannte. Die große Schwierigkeit der Sache liegt darin, daß das Recht entweder seine Wurzel in der Socialitas hat, was die Stoiker bejahen, oder in der Vernunft, was sie ebenfalls bejahen. Komm es aus der Vernunft, dann ist es weder unabänderlich noch natürlich. Kommt es aus der Socialitas, d. h. haftet es selbst dem Wesen des Men seien an, dann steht es neben der Vernunft, und nur dann ist es ewig und natürlich. Um diese Schwierigkeit zu überbrücken, hat man in das Wort Logos, das für Vernunft steht, etwas hineinegt, was über den gewöhnlichen Inhalt des Wortes Vernunft hinausgeht, nämlich eine (göttliche) Weltvernunft daraus gemacht, womit dann behauptet ist, daß die Welt als Ganzes, daß de Natur selbst, somit einschließlich der menschlichen Socialitas, vernünftig oder mit dem Logos identisch sei. Diese Weltvernunft spielt in der Philosophie überhaupt eine große Rolle, obwohl bisher noch jeder den Nachweis dafür, daß so etwas existiert, schuldig geblieben ist.