Theater am Goetheplatz in Bremen

Vor dem Kriege hatte Bremen zwei ernst zu nehmende Bühnen: das Schauspielhaus am Ostertor unter der wachen und wagemutigen Leitung von Johannes Wiegand und Dr. Eduard Ichon und das Staatstheater am Wall. Beide sanken während des Krieges im Rauch und Feuer nieder. Seit 1945 mußte Bremen sich mit unzulänglichen Behelfstheatern begnügen. Nun ist aus den Trümmern des Schauspielhauses das "Theater am Goetheplatz" erstanden.

Unter der Oberleitung von Architekt Hans Storm, der aufs engste mit dem Leiter des Bremer Hochbauamts, Oberbaurat Commichau, und dem Berliner Theateringenieur Dipl.-Ing. Walter Unruh zusammenarbeitete, erstand ein Zielplan für ein lebensfähiges Volltheater, der zwei Baustufen vorsah. Die erste, nunmehr vollendete, betraf den endgültigen Ausbau des Zuschauerraums und der Hauptbühne. Die zweite stellt die Ergänzung der Hauptbühne durch eine Seiten- und eine Hinterbühne sowie eine umfangreiche Vergrößerung aller zum Betrieb gehörenden Nebenräume dar.

Die Bühne ist mit den modernsten technischem Errungenschaften ausgestattet und kann jede Anforderung erfüllen. Die farbige und dekorative Ausschmückung des Zuschauerraums, in dem lustigerweise gerade 1111 Menschen Platz finden, lag in den Händen von Prof. Hermann Kaspar, München. Die mattvioletten Wände mit goldenen Leisten und strengem Dekor werden von dem lichtgrauen Proszenium und einem Hauptvorhang aus blauem Velours begrenzt. Zusätzlich ist noch ein grauer und ein goldener Vorhang vorhanden. Über die Tönung des Zuschauerraums gehen die Meinungen auseinander. Die Damen sind verzweifelt, denn sie können hinfort nur noch in grauen oder goldenen Abendkleidern erscheinen. Jede andere Farbe wird an dem diffizilen Violett der Wände zuschanden. Auch läßt sich nicht bestreiten, daß der Raum auf die Dauer etwas süßlich wirkt-

Am Vorabend der offiziellen Eröffnung sahen alle, die an der Errichtung des neuen Hauses mitgearbeitet hatten, die Generalprobe des vom Intendanten Willi Hanke großlinig inszenierten "Egmont". Die musikalische Leitung hatte Professor Hellmut Schnackenburg. Horst Caspar als Gast bewältigte die Titelrolle mit höchster Geistigkeit, Sprachkultur und einer mehr Schillerschen als Goetheschen Intensität, was ihr übrigens recht gut anstand. Marie Bertrand als Klärchen war für ein Kind aus dem Volke etwas zu wissend, hatte aber ergreifende Augenblicke liebevollen Hingeneigtseins. Wolfgang Engels als Alba voller Wahrheit und Wirkung. Eine Meister-, leistung für sich: der von Tragik und Komik umwitterte Vansen Walter Jokisch. Das wuchtige Bühnenbild von Hans Tilke, das die Tiefe der neuen Bühne voll ausnutzte, machte einen bedeutenden Eindruck.

Die eigentliche Eröffnung war mit einem würdigen Festakt verbunden. Nach dem "Festlichen Präludium" von Richard Strauß sprach Eberhard von Gagern einen Prolog von Frank Thiess, der, ausgehend vom Schicksal des Hauses, die künstlerischen Aufgaben in starken Versen dartat. Dann folgten Reden des stellvertretenden Bürgermeisters Dr. Spitta und Senators Paulmann, die beide betonten, das neue Theater dürfe nicht nur einer bevorzugten Bevölkerungsschicht gehören, sondern müsse für alle da sein, die ein Verlangen nach höherem Menschentum in sich trugen. Manfred Hausmann hatte in gemeinsamer Arbeit mit dem Komponisten Ludwig Roselius eine "Intrade" gestaltet, in der den suchenden, rufenden Stimmen der Menschen vom Schauspieler eine deutende Antwort gegeben wird. Die mit bezaubernder. Anmut und Überlegenheit gehaltene Festrede Rudolf Alexander Schröders stellte sich unter den Schutz der Schillerschen Verse: "Wollt ihr in meinen Kasten sehen" und umkreiste den Gedanken, daß die Fülle der Bilder, die sich in der Guckkastenbühne gezeigt haben, und ihre Verschiedenheit unabsehbar, daß aber der Kern all dieser Spiegelungen derselbe geblieben sei. "Es ist der Mensch selbst, der in Verhängnis und Verantwortung hineingestellt wird." Sma.