Auch in diesem Jahr war der 28. August Goethes Geburtstag. Aber er ging klanglos vorüber. Keine Feder wagte sich zu rühren, und bei der allgemeinen Goethemüdigkeit, die der Pervitinschock des Goethe-Jahres zur Folge haben mußte, scheint es ganz unbemerkt geblieben zu sein, daß in Frankfurt nicht einmal die traditionelle feierliche Überreichung des Goethe-Preises stattfand. Nun stößt der Magistrat der Goethe-Stadt selbst die Öffentlichkeit auf diese Lücke der Ereignisse. Er teilt mit, daß der Goethe-Preis – sein Goethe-Preis – eine "kulturelle Entwertung" erfahren habe durch die Stiftung von Goethe-Preisen "in anderen Städten" und deshalb dies Jahr nicht verliehen worden sei. Eine der ungenannten "anderen Städte" ist Ostberlin. Hier wurden am 28. August drei Goethe-Preise (von 25 000, 15 600 und 10 000 Ostmark) verteilt. Einer der Empfänger ist der Benno v. Arent des sowjetischen Sektors, der Maler Charlie Hähnel, der sich durch die "künstlerische Ausgestaltung von Veranstaltungen", nämlich der Maifeier 1949 und des Pfingsttreffens der FDJ 1950, würdig gemacht hat. Das ist gewiß eine Entehrung Goethes. Aber ist es eine Entwertung des Frankfurter Goethe-Preises? Der Frankfurter Magistrat hat 1949 keine "kulturelle Entwertung" seines Preises darin gesehen, daß der Preisträger Thomas Mann zu Goethes Geburtstag in Weimar einen Goethe-Preis entgegennahm. Nun sieht er nicht, daß der Ostberliner Goethe-Preis den Frankfurter nur im Wert steigen ließe – wenn es ihn, den Frankfurter, im diesem Jahr gäbe. Das hat der Magistrat aber schon vorsorglich verhindert, indem er die 10 000 D-Mark für den Preisträger gar nicht erst in den Etat aufnahm.

Nun bleiben also Freud, Albert Schweitzer, Hermann Hesse – eine illustre Reihe – ohne Nachfolge. Nur darum, weil Fritz Ebert junior einen Dekorateur dekoriert. "Die delph’sche Weisheit meiner Bürgermeister!" würde Kleists Kurfürst sagen. l.