E. G., London, Ende August

Die englische Verteidigung soll in den kommenden drei Jahren rund die Hälfte mehr kosten als in den vergangenen drei Jahren, nämlich 3,4 Mrd. £ (rund 40 Mrd. DM). Man will dafür kaum mehr Soldaten und Matrosen einziehen, wenn auch eine Verlängerung der Wehrpflicht von 18 auf 24 Monate zu erwarten steht. Dafür will man aber die Produktion an Waffen und Material verdoppeln. Dieses Programm wird von zwei Voraussetzungen abhängig gemacht: Es soll die wirtschaftliche Erholung nicht unterbrochen, allenfalls verlangsamt werden. Es soll in vollem Umfange nur verwirklicht werden, wenn die von den USA zu gewährende Hilfe (Grundstoffe, Maschinen und frei verfügbare Dollar) als ausreichend angesehen werden kann.

Nun herrscht in England Vollbeschäftigung, um nicht zu sagen Überbeschäftigung. Es ist eine Vollbeschäftigung der Menschen, keineswegs in allen Fällen auch der Anlagen. Das englische Bienenvolk, die arbeitende Bevölkerung, zählt 16 Mill. Männer und 7,3 Mill. Frauen. Davon sind rund 700 000 in der Wehrmacht, rund 272 000 arbeitslos, bleiben also rund 22,3 Mill. Menschen in ziviler Beschäftigung.

Aus dieser Aufteilung der "Bienen" ist schnell ersichtlich, daß nur 1,3 v. H. arbeitslos und "zusätzlich" verfügbar sind; doch auch das ist Theorie: Die Hälfte ist erst seit sehr kurzer Zeit arbeitslos, mit anderen Worten nur "auf dem Wege von einer Anstellung zur nächsten": die andere Hälfte aber durfte kaum noch viele in Beschäftigungsverhältnisse "einfügbare" Menschen umfassen. Arbeiter sind also ein Engpaß für englische Rüstungsarbeiten, vielleicht der engste von allen. Was könnte geschehen? Die andere Hälfte der Bevölkerung sind ja nicht etwa "Drohnen", sondern Mütter, Kinder, Alte und Kranke, von denen man nicht viele Tausende in die Fabriken stecken könnte. Auf die "Lenkung" von Arbeitskräften aus unwichtigen in wichtige Wirtschaftszweige möchte die Labour-Regierung bestimmt so lange wie möglich verzichten: man hat ja selbst im Kriege, mit den "Bevin-Boys" für die Bergwerke, die, statt in die Uniform, in die Kluft der Kumpels gesteckt wurden, keine ermutigenden Erfahrungen machen können.

Verlängerung der Arbeitswoche? Auch das kann eine Labour-Regierung nur im "Ernstfall" unternehmen, oder doch nur nach gründlicher Vorbereitung, die möglichst dazu führt, daß die Gewerkschaften von sich aus nach der längeren Arbeitswoche "für Korea" rufen ... Doch es gibt in England und wohl überhaupt in freien Ländern keine Henneckes! Bleibt also die größere Leistung in der vereinbarten Arbeitszeit, Hier wird jeder Fachmann, ob er nun in der Regierung, in den Gewerkschaften oder im Unternehmerbüro sitzt, eine erhebliche Reserve erwarten – wenn er ehrlich ist. Diese Reserve aber zu mobilisieren, dafür bedürfte es eigentlich eines Churchills... Und einen Churchill, also einen Mann, der die Demokratie notfalls auch mit vorübergehend undemokratischen Methoden (und unter der Zustimmung der breitesten Öffentlichkeit, also letzten Endes doch wieder demokratisch!) "meistert", dulden die Engländer eben nur "im Ernstfall" über sich – zu allen anderen Zeiten ist er ihnen "unheimlich"!

Der Engpaß Arbeit wird sich in England also nur dann und nur in dem Umfang erweitern, in dem der Frieden gefährdet wird: nicht nach Ansicht von Attlee oder Truman, sondern nach Ansicht von Smith an der Drehbank und von Brown am Kran. Und auch dann wird das Lohnproblem nicht ohne Bedeutung sein: Verlängerte Arbeitswoche vermindert die Aussicht auf überstundengelder, verschärft – daher die ohnehin zunehmenden Forderungen auf höhere Löhne.

Wie steht es mit dem Engpaß der Anlagen? Viel von der zusätzlichen Produktion kann auf vorhandenen Maschinen entstehen. In staatlichen Rüstungswerken wie in privaten Unternehmen ist teils ruhende oder halb ausgenutzte Kapazität vorhanden, läßt sich teils Zivilproduktion durch Rüstungsaufträge ablösen. Das gilt zumindest für die "direkte" Rüstung, die Panzer, die Flugzeuge, die Munition. Anders liegt es bei all den tausend "indirekten" Rüstungsartikeln, von Lastkraftwagen bis zu Uniformknöpfen, von Landkarten bis zu Konserven, In diesen Tausenden von Artikeln wird man die vollbeschäftigte Industrie "umschalten" müssen. Und da der Export – ganz besonders der Export gegen Doller – möglichst erhalten bleiben soll, so wird der britische Inlandsverbrauch der Hauptleidtragende sein; die austerity, kaum verabschiedet, kehrt zurück! Und dort, wo man sich aus dem Engpaß der zivilen Vollbeschäftigung durch Standardisierung, Mechanisierung und Modernisierung retten wollte, nicht zuletzt angeregt durch das Studium amerikanischer Produktivität – dort wird es an Muße, an Material und an Maschinen fehlen.