Überlingen, Ende August

Vielleicht tragen wir heute unsere hellen Sommeranzüge zum letztenmal, der Wind in der Frühe ist schon gläsern und feucht. Das Stampfen des Dampfers, der von Überlingen nach Konstanz schifft, dringt deutlich zu mir herauf. Auf dem dicken Teppich der Wiesen sind über Nacht die Herbstzeitlosen aufgeblüht. In jedem Jahr wundere ich mich von neuem, wie so ganz unerwartet schnell sie dem Wiesengrund entsprießen. Gestern war noch nichts da und heute ist der ganze Grund mit den blaßlila Blumen besternt, zerbrechliche Sterne, die nicht den Eindruck machen, als seien sie gewachsen, sondern als habe nächtens jemand sie aus Seidenpapier ausgeschnitten und dann da und dort hingesetzt.

Vor der Schinderhütte steht mein Apfelbaum. Das ganze Jahr über lebe ich mit ihm. Heute ist er zusammengebrochen. Die Stützen knickten unter der Last der Äpfel. Drei mehr als armdicke Äste, mit Laub und Frucht so umfangreich, daß man damit ein kleines Haus gut anfüllen könnte, liegen auf der Wiese unter ihm. Ach, Jammes, hast du diesen meinen Apfelbaum gekannt, als du ausriefst: "Es gibt Apfelbäume, denen die Schöne ihrer Früchte lieber ist, als die Wahrung ihres Gleichgewichtes, sie brechen zusammen. Sie sind wahnwitzig."

Die Sonne ist noch warm. Ich wandere den Hang entlang, der voll ist von (Berberitzen. An der südlichen Hauswand kochen die Trauben in der Sonne. Wespen umschwärmen ihre Süße. Die kleinen graubraunen Rehaugen, winzige Schmetterlinge, die den September lieben, umtanzen die Skabiosen, das Löwenmaul, die letzten Stockrosen. Die Zinnien täuschen am längsten sommerliche Farben vor. Wenn man aber genau hinschaut, so sind alle Farben bereits in der Auflösung, sie werden transparent. Rosa und Grau, Weiß und Cadmium entwickeln einen fast künstlich anmutenden Charme. Tami Oelfken