Zum Hamstern gehört ein dickes Fell

ct New York, im August

New York hat sich nach dem ersten Kriegsschrecken wieder erholt. Es wird nur wenig gehamstert. Nur Zucker ist seit Beginn des Korea-Krieges knapp. Mit der Begründung, daß sie ihn vor den berufsmäßigen "Hamsterern" retten müßten, schleppten die New Yorker Hausfrauen in der ersten Kriegswoche Zucker viele pfundweise davon. Seither wird er praktischerweise irgendwo zurückgehalten und von den Einzelhändlern vielfach nur "unterm Ladentisch" verkauft. Die Einzelhändler sagen, daß er bei den Grossisten liegt; die Grossisten behaupten, er bliebe bei den Raffinerien liegen. Wer, wie die meisten New Yorker, seine Lebensmittel in einem Supermarket kauft, findet Schilder, wie "Zucker Donnerstag nachmittag vier Uhr", aber an besagtem Donnerstag keine Spur von Zucker. Ein Supermarket ist ein großes Kolonialwarengeschäft, in dem der Kunde sich selbst bedient, seine Einkäufe in einem kleinen Wagen vor sich herschiebt und an der Ausgangssperre zahlt. Das Zuckerregal in meinem Supermarket hat sich seit vier Wochen auf Papierservietten umgestellt.

Man kann aber eigentlich nicht behaupten, daß gehamstert wird. Es mag daran liegen, daß sich ein Volk, das an Reichtum und Fülle gewöhnt ist, keine Vorstellung von einer wirklichen Rationierung machen kann. Meiner Ansicht nach liegt es eher an der bemerkenswerten Gemeinschaftsdisziplin der Amerikaner. Es mag in New Yorker Läden, in denen der Kunde anonym ist, notwendig sein, Warnungsschilder mit "Don’t be a Grabbit" – "Sei kein Grabscher!" – anzubringen. (Das Grabbit, eine Erfindung der New Yorker Marktverwaltung, ist ein Mittelding zwischen Karnickel und Teufel, das den andern alles weghamstert, eine amerikanische Version des "Groschengrab" Man muß aber schon ein recht dickes Fell haben, wenn man heute beispielsweise mehrere Kanister Olivenöl durch die Ausgangssperre eines Supermarket schieben will. Es begleiten einen nicht allein messerscharfe Blicke – es wird einem unter Umständen auch in vorwurfsvollem bis strafendem Ton von anderen Kunden bedeutet, daß die boys in Korea nicht dafür kämpften, daß man sich hier auf Kosten der Gemeinschaft große Vorräte anlege. In New Yorker Vororten und kleinen Städten erübrigt sich eine solche Grabbit-Mahnung. Hier kennt jeder jeden, und der Community spirit, der hierzulande ungeheuer ausgeprägt ist, verbietet unlautere Aktionen von selbst.