Zum drittenmal in den letzten zwölf Monaten haben die Schlagzeilen der Weltpresse der Südafrikanischen Union gegolten. Jedesmal war die ehemalige deutsche Kolonie Südwestafrika der Anlaß dazu. Es begann auf der vorjährigen Generalversammlung der UNO in Lake Success, wo der südafrikanische Wirtschaftsminister Eric Louw die Ansprüche der Union auf Südwestafrika begründete. Als am 18. April 1946 der Völkerbund als Mandatar der Kolonien liquidiert wurde, habe er – so meinte Louw – auf dem Totenbett keineswegs die UNO als Rechtsnachfolgerin bestimmt, und so sei die Union befugt, das Schicksal Südwestafrikas im Rahmen allgemeiner völkerrechtlicher Grundsätze selbst zu entscheiden. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag wurde damals von der UNO um ein Gutachten ersucht, das er am 11. Juli dieses Jahres abgab. Zum allgemeinen Erstaunen besagte es, die Regierung Malan sei nicht verpflichtet, Südwestafrika in das UNO-System der Treuhandschaften zu überführen, aber sie sei wohl verpflichtet, der UNO laufend über ihre Verwaltung des Gebietes Bericht zu erstatten und Eingaben der Bevölkerung weiterzureichen.

Dr. Malan, der südafrikanische Regierungschef, fühlte sich durch dieses Gutachten in seiner Politik gegenüber Südwestafrika bestärkt und schrieb unverzüglich für den 30. August dieses Jahres in der ehemaligen Kolonie Wahlen aus. Das Resultat wurde jetzt ein durchschlagender Erfolg für die Regierung: Von 18 gewählten Mitgliedern der örtlichen "Versammlung", die in Windhuk tagen wird, hat Malans Partei 16 erhalten; die sechs südwestafrikanischen Abgeordneten im Volksraad der Union und die zwei neuen Senatoren gehören ihr sämtlich an. So hat Malan zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: seine Partei hat jetzt im südafrikanischen Parlament, das 150 Abgeordnete zählt, mit 77 Sitzen die absolute Majorität, und gleichzeitig ist Südwestafrika durch die freie Entscheidung seiner 26 000 europäischen Bewohner. wesentlich enger mit der Union verbunden als bisher. Die Anektion des Gebietes wird von Malan ausdrücklich abgelehnt. Südwest erhallt mehr Selbstverwaltungsrechte als irgend einer der anderen Bestandteile der südafrikanischen Union. Es wird – um mit Malan zu sprechen – sozusagen sein eigener Mandatar.

Der Streit zwischen dem Treuhänderrat der UNO und der südafrikanischen Regierung läßt sich nicht durch internationale Rechtsgutachten lösen, weil es sich nicht in erster Linie um ein staatsrechtliches, sondern um ein psychologisches Problem handelt. Für die UNO ist Südwestafrika ein Kolonialgebiet, wenngleich es seit dem 17. Jahrhundert fest in europäischer Hand ist, für Malan wie für Smuts, für die Nationalisten wie für die Unionspartei ist es aber "Weißen Mannes – Land", ein integrierender Bestandteil ihrer südafrikanischen Heimat. Südafrika ist ein Problem eigener Art und nicht mit den Maßstäben der Kolonialpolitik zu messen. Wenn der Chor der UNO-Mitglieder sich entrüstet, welche Methoden Südafrika anwendet, um seine ererbten Probleme zu meistern, dann mag nur allzuoft der Wunsch nach einem demokratischen Alibi der Grund für den Stimmaufwand sein. C. D.