Vor Europas erstem Parlament, dem Europarat zu Straßburg, geschah es dieser Tage, daß die deutsche Delegierte Frau Dr. Helene Weber mahnend ihre Stimme erhob, jene vier- bis fünfhunderttausend deutschen Kriegsgefangenen nicht zu vergessen, die noch immer – fünf Jahre nach Kriegsende und vielleicht am Vorabend eines neuen Weltbrandes – in den Steppen, Bergen und Industriezentren Rußlands hinter Stacheldraht ihr Leben fristen. Und in der Tat ist dies die furchtbarste Gefahr für alle jene, die durch den unmenschlichen Trick des Kreml von Kriegsgefangenen in "Kriegsverbrecher" und Strafgefangene umgewandelt worden sind –: daß sich tödliches Schweigen über sie senkt "Die Zeit" hat daher bereits in ihren beiden leisten Ausgaben (vom 24. und 31. August) den Extrakt aus einer Fülle von Augenzeugenberichten veröffentlicht und gezeigt, daß in der Sowjetunion noch heute Verbrechen an wehrlosen Menschen begangen werden. Deutsche Soldaten wurden zu Tausenden zu lebenslänglichem Straflager verurteilt auf Grund von nichtssagenden Indizien.

Es war die Kenntnis der sowjetischen Mentalität, die dem Spätheimkehrer G. Ph. H. den Gedanken eingab, einen Brief an Stalin zu schreiben. Der Heimkehrer, der nicht nur die Qualen der Gefangenschaft im Lager, sondern in den sowjetischen Gefängnissen erduldet hatte, glaubte (und glaubt noch heute), daß man immer wieder mit Stalin um die Rückkehr der Kriegsgefangenen verhandeln müsse, mag er sie "Kriegsverbrecher" nennen oder nicht. Doch nicht genug mit diesem Brief –: in einem Aufsatz, der unter dem Titel "Herr Stalin – was kostet der Rest?" im "Europa-Kurier" (Hamburg) erschien, hat derselbe G. Ph. H. die These vertreten, daß man verhandeln müsse, weiter verhandeln, unter Umständen sogar mit wirtschaftlichen Angeboten einer Art von "Rückkauf". Wie reagierte auf alles dies die "sowjetische Mentalität"? Und reagierte sie überhaupt?

Spätestens Ende Mai 1950 – so berichtet G. Ph. H. – muß mein Brief sein Ziel erreicht haben. Um den 20. Juli herum bekam ich in Bonn von meinem Hamburger Büro gelegentlich eines Ferngespräches die Mitteilung, daß ein Herr aus der Schweiz mich hätte sprechen wollen; man habe ihm meine Bonner Adresse gegeben. Am nächsten Tage suchte mich jener Herr auf und gab an, verantwortlich für die Verbindung zwischen dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf zur Organisation vom Roten Kreuz der UdSSR in Moskau zu sein. Sein Deutsch war fließend, hatte jedoch den Tonfall, der den eleganten sowjetischen Abwehroffizieren in der Lubjanka eigen war, wenn sie sich mit uns darüber unterhielten, ob man bei Horcher oder bei Luther & Wegener die besten Austern bekam. Jener Herr hielt sich gar nicht lange mit Vorreden auf und sagte: "Ich bin vor zehn Tagen aus Moskau gekommen; da habe ich Ihren Namen gehört." Dann kein Wort von dem Brief an Stalin, sondern: "Sie sind doch der Freund von..." Es folgten etwa zehn Namen mir befreundeten Offiziere, größtenteils Generalstabsoffiziere, die seit Stalingrad in der SU sind und in den Jahren 1943 bis 1945 offen gegen das "Nationale Komitee" auftraten. – "Es geht ihnen gut", sagte er.

Dann wechselte er das Thema: "Nach meiner Rückkehr zeigten mir Freunde einen Artikel aus einer deutschen Zeitung – ich glaube "Europa-Kurier" hieß sie – mit der Überschrift "Herr Stalin: Was kostet der Rest?" Kennen Sie den Artikel oder gar seinen Autor?"

Ich sagte ihm, daß der Artikel von mir stamme. Daraufhin sagte er nur in unverfälschtem Moskwa-Deutsch: "Gute." Damit hatten wir uns gegenseitig legitimiert.

"Der Artikel ist nur in einer Ausgabe der "Kölnischen Rundschau" aufgegriffen und ausführlich kommentiert worden", nahm er das Gespräch wieder auf. "Sie sind wohl sehr enttäuscht, daß sich in Deutschland keine Weiterungen aus Ihrer Idee ergeben haben?"

Ich sagte ihm, ja – aber ich hätte ernstlich auch vorher nicht an eine Realisierbarkeit der in meinem Briefe (er fragte nicht: "In welchem Briefe?"!) festgelegten Basis für einen möglichen Ausgleich gerechnet. Im Moment würde ich froh sein, wenigstens einigen wenigen meiner Freunde helfen zu können.