Das zweitgrößte Film-Produktionsland der Welt nach Amerika ist nicht England, nicht Frankreich, auch nicht Rußland, sondern Indien. Man zählt zur Zeit etwa 400 Produktionsfirmen, die über 70 Studios verfügen – nicht alle gleichwertig in der technischen Ausrüstung natürlich. In Bombay sind es 22, in Madras 19, in Kalkutta 13 und 3 in Madura; seit Kriegsende sind noch etwa 15 neue dazugekommen. 400 Verleihfirmen beliefern die 2000 Kinos des Landes, 1947 wurden 250 Spielfilme hergestellt, und 1949 bereits 283.

Als ein sehr starker Film wird "Lharti ke Lal" ("Kinder der Erde") des Produzenten und Regisseurs K. A. Abbas geschildert, der die Hungersnot in Bengalen 1944 zum Thema hat. Als Herstellungsfirma zeichnete der Indische Volkstheaterverband, der auch die Schauspieler zur Verfügung stellte. Ein Film des Volkes für das Volk, der für die Notwendigkeit bäuerlicher Genossenschaften warb. Die Mitwirkung war Ehrensache: die Wochenhonorare wurden so niedrig wie möglich angesetzt, sie schwankten zwischen 30 Schilling und 7 Pfund, und manche Lohntüte wanderte wieder zurück in die Produktionskasse. Die Studios berechneten nur ihre Unkosten, Mitglieder der Bauernorganisationen und der All – Indischen Studentenvereinigung stellten sich als Statisten für die Szenen des Hungermarsches zur Verfügung. "Kalpana" ein anderer berühmt gewordener indischer Film, gab dem Tänzer und Regisseur Uday Shankar reiche Möglichkeiten, ein außergewöhnliches Werk nach einer Sanskritlegende aus dem 7. Jahrhundert zu schaffen. Eine Tanzeinlage, "Industrie und Maschine", schildert Fabrikarbeiter als Sklaven; ein anderer Teil des Films, mehr burlesker Natur, nimmt die westliche Erziehung aufs Korn. Da Indien in der Umstellung vom Agrar- zum Industriestaat begriffen ist, stehen soziale Themen im Vordergrund. So auch in dem Spielfilm "Hamrahi", der den Kampf zwischen Kapital und Arbeit behandelt. Das Märchenland Indien, von dem Europäer in Gedanken träumen, wird natürlich auch verfilmt, aber dann meist nach schlechtem Hollywood-Rezept.

Bei dem Mangel an Lichtspielhäusern, der durch fahrbare Projektions-Einheiten ausgeglichen wird, ist die Zahl von 250 Spielfilmen eigentlich etwas hoch, aber auch in Indien ist der Film das Honigbrot des kleinen Mannes; jährlich sind es etwa 200 Millionen Filmbesucher aller Bildungsgrade: von den Mitgliedern des Filmclubs in Bombay bis zu den Dorfbewohnern am Dschungelrand, die noch Halb- oder Ganz-Analphabeten sind.

Der nationale indische Film setzt sich mehr und mehr durch, mit Ausnahme von einigen Kinos in den Großstädten, die nur ausländische Streifen zeigen, und einigen, die ein gemischtes Programm vorführen. Die Ausfuhr erstreckt sich hauptsächlich auf Pakistan, Burma, Ceylon, Malaya, Iran und Süd- und Ostafrika. Die indischen Filmschaffenden sind nach Berufskategorien in mehreren Gewerkschaften organisiert. Die Spielfilmindustrie ist ebenso wie der Verleih und Theaterbetrieb völlig in privaten Händen; die Regierung überwacht hauptsächlich die Einfuhr ausländischer Filme. Auch der Dokumentarfilm beginnt in diesem Land mit seinen ungeheuren Gegensätzen, in dem Altes und Neues aufeinanderprallt, eine wesentliche Rolle zu spielen. K.