Von unserem österreichischen Korrespondenten

H. M. W. Wien, im September

Wer hätte wohl in jenen ersten Frühlingstagen des Jahres 1945, als sich am Westrand des alten Städtchens die ersten US-Panzer zeigten, gedacht, daß dieser gemütliche Ort am Steinernen Meer eine regelrechte Garnisonsstadt werden würde? Es sah alles so vorübergehend aus! Und wirklich gingen die Zeiten rasch vorüber, da in den Gendarmerieberichten häufig Meldungen erschienen wie: "Der hieramts bekannte Karl Huber, vulgo Stuhlfeldbauer, gibt an, daß zwei, Männer in amerikanischer Uniform auf der Schöberlalm seine dreijährige Kuh geschossen hätten...", oder: "Die gemeindebeschäftigte Anna Sedlack gibt zu Protokoll, daß sie am 11. Mai in einen Jeep gezerrt wurde und mit den Soldaten mehrere Gaststätten aufzusuchen gezwungen war." Es gab bald andere Sorgen. Zunächst mußte für die Garnison, wenig über 600 Mann, ein Artillerieschießplatz eingerichtet werden. "Warum gerade bei uns?" fragten die Leute. Die Antwort "lag auf der Hand": Die Schutthalden und Latschenwälder des Steinernen Meers boten ein ideales Terrain. Immerhin mußten auch fruchtbare Weiden und Almen herangezogen werden, und es gab langwierige Verhandlungen wegen der Entschädigungen. Die österreichischen Behördenvertreter verschanzten sich dabei hinter maria-theresianischen Katastralmappen mit den Angaben über recht unwirkliche Bonitätsklassen. Die Amerikaner aber zogen völlig neue Luftkarten aus der Tasche, und es zeigte sich, daß sie ebenfalls Bonitätsklassen eingetragen haben. Und siehe: sie stimmen meist. Manch heimliche Hoffnung, aus einer "Hutweide" schönen Pachtschilling zu ziehen, verging. Und es blieb die Feststellung, daß so ein Schießplatz nichts Angenehmes sei. Dauernd klirren die Scheiben, das Gamswild aber weicht nach Westen und Osten aus ...

Problem Nr. 1 Wohnraum

Kaum, daß sich die Landwirte ein wenig beruhigt hatten, fühlten sich die Wohnungsinhaber alarmiert. Längst wohnte die Truppe nicht mehr in Zelten, sondern in der alten deutschen Kaserne, einem ehemaligen Schloß mit häßlichem Tarnanstrich. Dort aber konnten Offiziere mit Familien nicht untergebracht werden. Also mußten Wohnungen freigemacht werden. Eigene amerikanische Wohnungen zu bauen – nein, das kam nicht in Frage, es war ja alles nur ein Provisorium. Bis es heuer, im Frühjahr 1950, plötzlich heißt: "Die Amerikaner bauen, jawohl das tun sie." Zwölf Häuser sollen errichtet werden – so sagt das Gerücht – eine Schule, sogar eine Kirche. Die Häuser müßten unterkellert werden – heißt es –, die Kellerdecken aus starkem Eisenbeton errichtet werden. Warum so viel Beton? Der Kommandant wird befragt, weiß von nichts. Er weiß nicht einmal von den amerikanischen Wohnungen. Aber dann steht plötzlich in der Zeitung eine große Annonce: "Benachrichtigung für Anbotsteller! Der USFA-Special-Project-Engineer, Zimmer ..., ladet alle Bauunternehmer ein, für das amerikanische Wohnbausiedlungsprojekt S ... am Steinernen Meer Pläne einzureichen. A) ein Gebäude mit zwölf Wohnungen; B) ein Gebäude für 16 Wohnungen; C) eine Transformatorstation Teilzahlungen werden geleistet nach 25-, 50- und 75prozentiger Fertigstellung. Wenn die Unternehmer den festgesetzten Fertigstellungstermin nicht einhalten, so wird ein Pönale von 0,5 v. H. von der Vertragssumme pro Kalendertag berechnet."

Die letzte Bestimmung will den österreichischen Firmen durchaus nicht gefallen; es hat vor kurzem im Baugewerbe Streiks gegeben, und sie werfen die Frage auf, was zu geschehen habe, wenn die Fertigstellung der Häuser durch einen Ausstand verzögert werde.

"That is your baby", sagt der Special-Project-Engineer.