Aus den Akten des Auswärtigen Amtes konnte ich nicht entnehmen, in welcher Absicht die Reichsregierung 1926 eine Einladung des Völkerbundes zur Teilnahme an der sogenannten "Vorbereitenden Abrüstungskommission" angenommen hatte. Seit 1918 war Deutschland militärisch schutzlos, ein Ei ohne Schale. Das machte unsere Umwelt sich gründlich zunutze. Selbst die bescheidenen politischen Rechte, die dem Reich nach Versailles geblieben waren, wurden von unseren Nachbarn bis einschließlich Litauen uns oft vorenthalten. Man brauchte kein Nationalist zu sein, um zu wünschen, daß der versprochene Rüstungsausgleich nunmehr komme. Der Völkerbund traf keine Anstalten zur Aufstellung einer überparteilichen, internationalen Polizei.

Daß die Entente-Mitglieder, vor allem Frankreich und England, mit der Präambel der Abrüstungsbestimmungeh im Versailler Vertrag und mit dem Artikel 8 des Völkerbundpaktes ernst machen, d. h. ihre überwältigende Rüstung ablegen würden, erwies sich bald als Irrtum. Uns Deutschen fiel also die unpopuläre und unerquickliche Funktion zu, der Abrüstungskommission klarzumachen, daß der Weg zur Nivellierung der Rüstungen, wenn nicht nach unten, so schließlich nach oben frei zu machen wäre. Der Reichspräsident Hindenburg empfing einige für Genf bestimmte Offiziere und sagte ihnen: "Erreichen werden Sie nichts, aber wahren Sie die Würde." Der "Alte Herr" sollte mit seiner Vorhersage recht behalten. Sechs Jahre hatten unsere Gegner vom ersten Weltkrieg uns warten lassen, ehe sie mit uns das Abrüstungsgespräch aufnahmen. Und weitere sechs Jahre hielten sie uns hin, ehe sie zu einer allgemeinen Abrüstungskonferenz bereit waren. Diese scheiterte dann vor allem an dem unentwegten Widerstand der Siegergruppe des ersten Weltkrieges.

Die französische Politik ging, einem französischen Charakterzug entsprechend, mit ihrem Kapital sparsam um. Jedes Zugeständnis im Sinne der Abrüstung mußte man ihr abringen, wenn es auch nur ein theoretisches Zugeständnis war. Die Abrüstungsidee war von dem Präsidenten Wilson in seinen Völkerbundsplan aufgenommen worden. Um diesen Plan zu retten, hatte er im Frühjahr 1919 in Paris seine sonstigen Prinzipien dem Siegerwillen weitgehend geopfert. Die Restbestände seiner Ideologien, insbesondere die der Weltabrüstung zu eliminiern, das wurde "esprit de Genève" genannt. Idealisten des Völkerbundes und der Völkerversöhnung, wie etwa Fritjof Nansen, begegneten in Genfer Fachkreisen stillem Spott.

Mit den Versuchen internationaler Abrüstung hatte die Welt bisher wenig oder keine guten Erfahrungen, gemacht. Zar Alexander hatte sich zum Abschluß der Napoleonischen Epoche vergeblich darum bemüht. Manche Kritiker bezeichneten die beiden Haager Friedenskonferenzen 1899 und 1907 geradezu als einen gefährlichen Auftakt zum Weltkrieg 1914. Die nunmehr einzuleitende Konferenz war indessen unumgänglich, nicht nur wegen des erwähnten pactum de contrahendo. Die erzwungene vorläufige Rüstungsungleichheit war nicht haltbar. Das Vakuum, das die wehrlosen Mittelmächte in Europa bildeten, war ein fortgesetzter Anreiz für die Siegerstaaten, ihren politischen Überdruck dorthin abzublasen. Wer wirklich an Europa und an den Frieden dachte, mußte einen verständigen Rüstungsausgleich wünschen.

Als ich zu unserer Abrüstungs-Delegaticn in Genf trat, hatte diese schon ein halbes oder dreiviertel Jahr lang getagt. Sie bestand, wie auch die der anderen Länder, größtenteils aus aktiven Offizieren, aus Generalen, Admiralen und so weiter. Diese Militärs verschiedener Nationen kannten sich genau und waren aufeinander gewissermaßen kameradschaftlich, jedenfalls fachmännisch eingespielt. Man konnte füglich nicht erwarten, daß diese Berufssoldaten mit Begeisterung darangehen würden, den Ast, auf dem sie saßen, abzusägen. Da war vor allem der intelligente französische Oberst Requin; er sorgte dafür, daß schon im Vorfeld, das heißt bei der Begriffsbestimmung und Bewertung der Abrüstungsobjekte, ein unauflösbarer Wirrwarr entstand. Wie sollte der langdienende Engländer oder Deutsche mit dem kurzdienenden Franzosen verglichen werden, wie sollte der ausgebildete Reservist bewertet, wie das Potential de guerre berechnet werden? Was war als Offensiv- und was als Defensiv-Waffe anzusehen? Und wenn nun Soldaten oder Kriegsinstrumente nach Zahl oder Qualität einzuschränken wären, wie wäre die Kontrolle darüber auszuüben? "Ce qui n’est pas contrölable n’est pas limitable" hieß es. Wie sollte daraus ein Vertrag entstehen?

Es bedurfte also gar nicht mehr des Hinzutritts der Politiker an die Spitze der Delegationen, des Parlamentsredners Paul Boncour, des methodischen Ideologen Sir Robert, späteren Lord Cecil, um noch weitere Schwierigkeiten zu machen. Der Franzose warf die Forderung dazwischen: sécurité d‘abord‚ erst danach könne abgerüstet werden. Wie aber diese Sicherheit, nämlich die Sicherheit vor den geschlagener und abgerüsteten Ländern Deutschland, Österreich, Ungarn und Bulgarien zu schaffen wäre, das war nicht Sache der Abrüstungsspezialisten; dafür wurde im Völkerbund ein Sicherheitskomitee gegründet. Bis Sicherheit geschaffen wäre, sollten die besiegten Staaten auf dem ungleichen Rüstungsniveau stehenbleiben.

Von 1926 bis Anfang 1932 hatten die Großmächte die Vorverhandlungen hinzuziehen vermocht, ehe die internationale Konferenz zur Begrenzung und Kürzung der Rüstung in Genf zusammentrat. Polen, Tschechen, Rumänen, Jugoslawen, Griechen hatten bei der Verzögerung willig sekundiert. Figuren wie Benesch, Politis waren da in ihrem Element. Die deutsche Delegation hatte manche Hilfe von den Neutralen, von Schweden und Holländern, oft auch von den Italienern, am wirksamsten aber, etwa ab 1929, von den Sowjetrussen, die mit beißender Dialektik dem Genfer Getriebe zu Leibe rückten. Mit Litwinow und Boris Stein war unsere Zusammenarbeit eng, und oft lief nachts zwischen Stein und mir ein geschäftiger deutscher Journalist als Bote hin und her. Dem englischen Delegationschef Cecil war unsere Intimität unbequem. Er sagte spöttisch zum Grafen Bernstorff: "You call Litwinow by bis Christian name", worauf Bernstorff: "No, by bis Jewish name," antwortete.

Wir von der deutschen Abrüstungsdelegation waren ohne Illusion bei der Arbeit. Wir wußten, daß es viel Zeit kosten würde, die Weltmeinung in der Abrüstungsfrage vom Alliiertenstandpunkt zum deutschen hinüberzuführen. Ich vertrat in unserem Amt die Meinung, daß Weltabrüstung an sich überhaupt keine Friedensgewähr biete; schließlich würden die Völker eben mit Heugabeln aufeinander losgehen. Gefährlich aber war die lange Verweigerung des Rüstungsausgleichs, vor allem auch wegen der psychologischen Wirkung in den besiegten Ländern. Hier wuchs eine Generation heran, die den Krieg nur noch vom Hörensagen kannte und die nicht bereit war, sich in der Welt als minderwertig und minderberechtigt ansehen zu lassen. Sie wünschte nicht, unter dem Druck der Siegermächte zu büßen. Sie konnte nicht verstehen, weshalb der Weimarer Republik verbriefte Rechte vorenthalten blieben. Der Vorwurf wendete sich auch gegen die eigene Regierung. Die deutsche Presse war in Genf dauernd und stark vertreten. Der bestinformierte deutsche Berichterstatter war Dr. Max Beer, ein scharfer Formulierer treffender Urteile über das Genfer Getriebe, von großem Einfluß auf seine Kollegen und ein Schrittmacher für unsere nationalen Ansprüche. Vor jeder Tagung mit ihm Kontakt zu nehmen, war wichtig, um ihn mit Art und Tempo des geplanten Vorgehens unserer Delegation vertraut zu machen und so die deutsche öffentliche Meinung einigermaßen im Zaum zu halten.