Was Essen für die Steinkohle ist, ist Köln für die Braunkohle. Geologisch im Zentrum eines Braunkohlenhalbkreises gelegen, wurde Köln zugleich auch der natürliche Sitz der Selbstverwaltung des rheinischen Bergbaues. Eine ruhige und stete Entwicklung kennzeichnete den Weg von Einzelbetrieben zur Großindustrie; weitsichtige Planungen und in Jahrzehnte gehende Projekte sind auch.für die Zukunft das industriepolitische Rückgrat dieses verhältnismäßig jungen Wirtschaftszweiges.

Noch um die Jahrhundertwende förderte das Kölner Revier nur 5 Mill. t Rohkohle und stellte 1,2 Mill. t Briketts her. Fünfzig Jahre später, 1949, wurden fast 61 Mill. t gefördert und 12,8 Mill. t Briketts abgesetzt. Von 6000 Arbeitskräften kletterte man auf 24 000 Mann. Der Jahresproduktionswert des rheinischen Kohlenbeckens liegt zwischen 300 bis 400 Mill. DM.

Zuweilen ist in der Öffentlichkeit zu hören, daß es "so langsam mit der Braunkohle zu Ende gehe". Solche Darstellungen entsprechen aber nicht annähernd den tatsächlichen Verhältnissen. Noch sind die abbauwürdigen Vorräte allein im Tagebau zwischen 2 – 3 Milliarden t groß, das heißt, sie betragen genau so viel, wie in den sechs Jahrzehnten des rheinischen Braunkohlenbergbaues gefördert worden ist. Die unerschlossenen Tiefbauläger betragen nach neuesten Erforschungen etwa 50 Milliarden t, reichen also für einige Jahrhunderte.

Etwas anderes aber zwingt die rheinische Braunkohle in eine strukturelle Veränderung. Im Laufe des nächsten Jahrzehnts dürfte mit etwa jährlichem Abstand jeweils eine Grube ausgeschürft sein. Ersatz muß geschaffen werden, Neuaufschlüsse stehen vor der Tür. Die Technik vermag mit großen Schwierigkeiten noch bis zu 100 m Tiefe Tagebauwerke anzulegen, aber nicht überall kann dies als zuverlässig vorausgesagt werden. Demgegenüber ist die Tiefbauförderung, im großen gesehen, noch nicht aus dem Erprobungsstadium heraus. Schwierigkeiten entstehen vor allen Dingen dadurch, daß die Braunkohlenflöze auch ingroßen Tiefen eine Mächtigkeit von durchschnittlich 60 m aufweisen. Unter Tage aber Flöze von solcher Mächtigkeit abzubauen und gleichzeitig den "Hohlraum’ gegen viele hundert Meter Deckgebirge abzustützen, ist in der Konstruktion noch nicht ausgereift.

Unsere Braunkohlenfachleute schätzen die Verbrauchsziffer für die nächsten Jahre ständig steigend ein und glauben, daß etwa bis 1957 rd. 75 Mill. t jährlich Braunkohle gefördert werden müßte. Wesentlich ist der Anteil der Stromerzeugung am Gesamtverbrauch. Die beabsichtigte Vergrößerung der E-Leistung von 420 000 kW auf 1,8 Mill. kW ab 1954 würde allein jährlich 30 Mill. t Rohbraunkohle erfordern. Der rheinische Braunkohlenbergbau steht also vor den schweren Aufgaben, nicht nur die Förderung zu halten, sondern sie zu steigern, gleichzeitig auslaufende Gruben zügig durch Neuaufschlüsse zu ersetzen und das Problem der wirtschaftlichen Tiefbauförderung in etwa einem Jahrzehnt zu lösen.

Es ist daher einleuchtend, daß im Kölner Revier wenig Verständnis für die jüngsten politischen Eingriffe des Landesparlamentes von Nordrhein-Westfalen aufgebracht wird. Zwar ist durch die Annahme der "Lex Warsch" zunächst einmal einiger politischer Ehrgeiz befriedigt worden, und der Regierungspräsident von Köln fühlt sich nun mit Recht als Vater einer neuartigen "staatlichen Beobachtung", die weit über das hinausgeht, was üblicherweise seit jeher eine bewährte "Bergpolizei" kontrollierend geleistet hat. Die Braunkohlengesetze Nordrhein-Westfalens vom April 1950, die die Gesamtplanung im rheinischen Braunkohlenrevier konzentrieren wollen, bleiben nach wie vor ein negatives Sondergesetz. Zumal sich bisher ein praktischer Effekt aus diesem Gesetz mit seinen einseitigen Vollmachten noch nirgends erkennen läßt.

Unbeeinflußt von diesen – sicherlich vorübergehenden – fachfremden Einflüssen, gehen die Männer der rheinischen Braunkohle an ihre weit gesteckten Ziele. Ihre Arbeit ähnelt jener in der Forstwirtschaft, die ebenfalls in weiten Zeiträumen denken und handeln muß. Im Braunkohlerhaus in Köln fühlt man den Anbruch einer neuen Pionierzeit, die Planung und Initiative mischen muß, die jene Generation der "Braunkohlenblüte" von 1320 bis 1940 ablösen soll und die auch unter den Belegschaften energisch die Verjüngung vorwärts zu treiben hat.

Diese Gemeinschaftsarbeit schließt die einzelnen Werke des Reviers zusammen; sie erfordert den Neuaufbau einer wirtschaftlichen Selbstverwaltung, eine sozialpolitisch fortschrittliche Haltung und ein sichern Verankern der Verkaufsorganisation. Anfang 1950 wurde die Selbständigkeit des Brikettverkaufs in einer Art wiedergefunden, die dem früheren Rheinischen Braunkohlensyndikat entspricht. Ist hier schon auf dem Gebiete des Absatzes der Aufbau einer wirtschaftlichen Selbstverwaltung gelungen, so soll dies Ansporn sein, auch im produktionellen und sozialpolitischen Sinne gleiche Ziele mit Energie zu verfolgen und zu erreichen Der Braunkohle steht eine gute Entwicklung bevor. Die Betriebe sind gesund, die arbeitenden Menschen zufrieden, so daß selbst der Leiter der Sektion Braunkohle in der Industriegewerkschaft Bergbau, Simons, kürzlich mit sichtlicher Genugtuung über das Verhältnis Werk-Belegschaft sagen konnte: "Nirgends so gut wie hier!" Rlt.