Die wahre Metropole des Rheinlandes

Von Ernst Schwering, Oberbürgermeister der Stadt Köln

Köln ist heute eine Stadt zwischen den Hauptstädten. Beide sind eine knappe Autostunde nach Süden beziehungsweise nach Norden von Köln entfernt: Bonn, die Bundeshauptstadt’und Düsseldorf, die Hauptstadt des Landes Nordrhein-Westfalen. An diese seltsame Situation, im dichtbesiedelten Westen nur zu natürlich, werden oft zwei Arten von Fragen geknüpft. Die eine lautet: Ist es nicht ein Schaden für Köln, daß es, nicht mindestens Landeshauptstadt ist? Wird der Stadt nichts von ihrer Bedeutung entzogen durch eine so enge Nachbarschaft zu den bedeutendsten politischen Schwerpunkten des Westens? Die andere Frage ist realistischer. Sie heißt: Welchen Nutzen zieht ihr Kölner aus der Nachbarschaft zu den Hauptstädten?

Nun, die Dinge sind in den letzten Jahren überschaubar geworden und man kann summarisch sagen: Man kann Köln nichts Wesentliches entziehen oder vorenthalten und auch nichts Entscheidendes zu seiner Grundstruktur mehr hinzufügen.

Köln ist eine Stadt eigener Art, ein Schwerpunkt von besonderer Bedeutung im ganzen Rheinland, einer Bedeutung, die unabhängig, ist von den Konstellationen des Tages. Köln ist wirklich die Metropole des Rheinlandes, die Mutter der Rheinländer. Das hat geschichtliche, psychologische, soziologische, geographische und mancherlei andere Gründe. Ich will hier nicht weit ausholen. Ich sage es nur, weil es ein: Tatsache ist. Sie hat mit Propaganda nichts zu tun. Es ist so.

Nur ein Motiv will ich herausgreifen, das unmittelbar die Wirklichkeit und Gegenwart berührt. Das ist die Bedeutung Kölns als Veikehrskreuz des Westens. Köln ist eine Stadt des Durchgangs. Wer ins Rheinland kommt, muß durch Köln. Wenn man es ökonomisch ausdrücken wollte, könnte man sagen, die Lage Kölns ist die Grundrente der Stadt. Strom, Straße, Eisenbahn, Autobahn und Luft, alle diese Medien sind nur ein verschiedener Ausdruck für die Konzentration des Durchgangs nach allen Richtungen. Das war in Römertagen so und wird sicherlich auch immer so bleiben. Man kann von dieser Basis aus den Gesichtspunkt ins allgemeine Leben erweitern und mit einem Blick auf die alte, abendländische Kultur des Westens sagen: Man kennt den Westen nicht, wenn man Köln nicht kennt.

Wir schauen inzwischen, fünf Jahre nach dem Kriege, mit einiger Gelassenheit auf unser Schicksal. Es ist allgemein bekannt, daß Köln unter allen deutschen Großstädten durch die Bomben am schlimmsten zugerichtet worden ist. Damals hat jemand entsetzt mit Recht den alten Satz im neuen Sinne gebraucht. Qui non vidit Coloniam, non vidit Germaniam. Damals, vor fünf Jahren, stand Köln stellvertretend für den Sturz und das Elend Gesamtdeutschlands. Das Pathos der Klage ist längst überwunden. Pathos liegt dem-Rheinländer überhaupt nicht. Ich erinnere an jene Zeit auch nur, um einen Hintergrundeffekt zu haben, von dem sich die Leistung des Aufbaus am so leuchtender abhebt. Wir neigen heute mehr dazu, weil das menschliche Leben doch nun einmal ein Auf und Ab bedeutet, die Zerstörung Kölns als Episode zu nehmen, gleichsam eingebaut in den Weltordnungsplan, eine Episode, die man erleidet, aber überwindet.