Archäologen erlebten eine Überraschung

Von Fritz Fremersdorf

Die meisten Fortschritte der Wissenschaft werden in zäher, systematischer Arbeit gewonnen. Das gilt auch für die Archäologie, der Wissenschaft, die sich die Erforschung längst vergangener Völker und Zeiten zum Ziel gesetzt hat. Und doch spielt gerade bei ihr das Glück und der Zufall eine nicht geringe Rolle, ihm verdanken wir viele unschätzbare Funde. So blieben im Jahre 1858 arme Fischer im Rhein bei Xanten mit ihren Netzen hängen, und als sie nach dem Grund dafür suchten, fanden sie die vollständig erhaltene römische Bronzefigur eines Knaben in voller Lebensgröße! Sie gelangte damals ins Berliner Museum und dürfte heute verloren sein.

Der berühmte Goldschmuck der Kaiserin Gisela in Mainz (um 1000) kam bei Kanalisationsarbeiten ebenso unerwartet zutage wie der Hildesheimer Silberfund, wohl ein Teil des Tafelsilbers des unglücklichen römischen Feldherrn Varus, der 9 n. Chr. im Teutoburger Wald Schlacht und Leben verlor. – Einer der bedeutendsten Zufallsfunde der letzten Jahrzehnte war der Schatz von Arras in Frankreich, den Ziegeleiarbeiter beim Abstechen von Lehm fanden: eine stattliche Zahl goldener römischer Gedenkmünzen (Medaillons) des 3. und 4. Jahrhunderts, zum Teil von einer bis dahin unbekannten Größe. Leider sind die meisten und besten von ihnen durch krasse Unkenntnis im Schmelztiegel geendet,

Auch der Kölner Boden hat im Laufe der Zeit rein zufällige und unerwartete Funde von höchster Bedeutung gespendet. Eine große Überraschung, ja, ein spannendes Erlebnis war in jüngster Zeit, nämlich im Jahre 1939, die Auffindung des Grabes der sogenannten reichen Frau unter der Severinskirche. Seit 1938 sind unter Severin Grabungen im Gange, die vom Römisch-Germanischen Museum in Köln durchgeführt werden. Sie führten zur Entdeckung des bis jetzt ältesten christlichen Gotteshauses auf Kölner Boden, einer kleinen Friedhofs-Basilika mit Apside im Westen. Dieser Bau stammt etwa aus den Tagen Constantins des Großen, aber er wurde noch während des 4. Jahrhunderts wesentlich vergrößert durch Anbau von Seitenschiffen und Vorhalle. Auch in nachrömischer Zeit wurden immer wieder Veränderungen und Vergrößerungen vorgenommen. In dem ältesten römischen Bau wurden vom 5. Jahrhundert an Bestattungen vorgenommen, die von hochmögenden Persönlichkeiten herrühren müssen; darunter befand sich das Grab des Sängers, so benannt, weil er eine hölzerne Leier im Arme hielt, und das Grab der reichen Frau.

Am Heiligabend des Jahres 1939 war der örtliche Leiter der Ausgrabung, der Ausgrabungstechniker Tholen, in unterirdischer Arbeit auf den östlichen Abschluß eines Grabbehälters gestoßen, der aus mehreren großen Steinplatten zusammengesetzt war. An der Südostecke ließen die Platten eine kleine Öffnung frei, durch die man in das Innere hinabsehen konnte. Den größten Teil des Grabes füllten die in sich zusammengesunkenen Reste eines Holzsarges aus. Außerhalb des Holzsarges stand eine etwa halbkugelige bronzene Schüssel mit verdicktem Rand, und unmittelbar innen an der Ostwand des ehemaligen Holzsarges sah man eine vollkommen erhaltene hölzerne kleine Truhe mit zierlichen Bronzebeschlagen; links und rechts davon Gläser. Das war ein unerhörter Glücksfall! Denn Gegenstände aus leicht vergänglichen Stoffen können sich in unserem Klima nur unter ganz besonders günstigen Umständen erhalten. Gewiß hätte es nahegelegen, die alsbaldige Hebung dieses seltenen Fundstückes zu veranlassen. Aber das wäre sein sicherer Untergang gewesen! Denn durch das viele Jahrhunderte lange Liegen im Grab war das Holz weitgehend in sich zergangen, das Ganze bestand sozusagen nur noch aus einem Gerüst von Poren, das bei der geringsten Berührung in sich zusammenfallen mußte. Deshalb wurde damals das Grab nicht nur nicht geöffnet, sondern wieder fest verschlossen, um jeden unbefugten Eingriff unmöglich zu machen. Viele Wochen später wurde ein harzartiges Konservierungsmittel fein zerstäubt in das Grab hineingeblasen, man konnte deutlich sehen, wie das Holz des Kätschens diese Lösung begierig aufsaugte. Endlich konnte man darangehen, die kleine Truhe zu öffnen. Sie enthielt weder Schmuck noch Münzen, sondern nur ein mehrfach zusammengefallenes Seidentüchelchen und ein Puderschwämmchen.

Und was war sonst noch der "reichen Frau" mitgegeben worden? An den Füßen fanden sich reiche Beschläge von Schuhen und Wickelgamaschen; in der Beckengegend eine große durchbrochene Zierscheibe aus Bronze mit dem Sonnenrad; davor ein Paar silbervergoldeter Spangen mit Kerbschnitt Verzierung; an der linken Hand ein wundervoll gearbeiteter, ganz frisch erhaltener, goldener Fingerring. Auf der Brust fanden sich zwei silberne Scheiben mit Einlagen von Almandinen; um den Hals zwei Ketten, davon die eine aus großen bunten, die andere aus kleinen weißlichen Glasperlen und dazwischen runde Gold Scheiben mit Filigranbelag sowie drei kleine Goldkreuze mit Almardinen, ein Beweis dafür, daß die "reiche Frau" Christin gewesen ist. In der Gegend der Ohren lagen große vergoldete Ohrringe mit polyedrischen Endigungen und Einlagen von Steinen, und schließlich kam in der Stirngegend ein 25 cm langer Streifen plattgehämmerten Golddrahtes, wohl der Rest eines dünnen Seidenbandes, zum Vorschein. Durch die Beigaben wird das Grab in die Zeit kurz nach 600 datiert. Sie sind jüngst in der großen Ausstellung "Köln 1900 Jahre Stadt" im Staatenhaus der Messe in Köln-Deutz zu sehen gewesen.