Das französische Kominformblatt Action veröffentlichte unlängst die sensationelle Nachricht, daß der ehemalige deutsche Generalfeldmarschall von Kleist beim jugoslawischen Generalstab tätig sei und als Berater Titos einen Aufmarschplan gegen Albanien ausarbeite. Kurz darauf brachte die kommunistische Pariser Humanité eine ähnliche Meldung unter Berufung auf die Prager Zeitung Svobondne Slovo. Die Humanité fügte hinzu, daß „die Ernennung dieses nazistischen Generals eine neue Etappe in der Vorbereitung zum Kriege bedeutet“. Alsbald schlossen sich das österreichische Kommunistenblatt „Volksstimme“ und zuletzt auch Herrn Togliattis Unita an. So war denn die ganze Kampagne als eines der vielen Manöver zu erkennen, durch die der abtrünnige Tito als Überläufer ins „imperialistische Lager“ denunziert und im voraus mit der Schuld für jenen zukünftigen Balkankonflikt beladen werden soll, den die Kominformisten anscheinend für unvermeidlich halten.

Während viele propagandistische Manöver dieser Art mehr oder weniger erfolgreich über die Bühne gehen, ist das diesmal nicht der Fall. In Belgrad hat man nämlich, was den Feldmarschall von Kleist betrifft, ein besonders schlagkräftiges Gegenargument. Es besteht in der Tatsache, daß von Kleist sich gar nicht in jugoslawischer, sondern in – sowjetischer Gefangenschaft befindet und daß gerade die Belgrader Regierung den Beweis dafür antreten kann. Durch diesen Beweis, den die jugoslawische Zeitung Borba dieser Tage geführt hat, erfährt man gleichzeitig einige Einzelheiten über das Schicksal dieses deutschen Armeeführers.

Ewald von Kleist wurde, Borba zufolge, auf jugoslawisches Verlangen bereits „lange vor der Kominformresolution gegen Jugoslawien“, also vor dem 28. Juni 1948, von den britischen Behörden nach Belgrad ausgeliefert, da er „in die Gruppe der zwischenstaatlichen Kriegsverbrecher fiel, die nach der Moskauer Deklaration in den Ländern abgeurteilt werden sollten, wo sie ihre Verbrechen verübt haben“. In Belgrad wurde er auf Grund von Beschuldigungen, über deren Inhalt in dem Borba-Artikel wohlweislich geschwiegen wird, von einem sogenannten Kriegsgericht am 4. August 1948 zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Am 4. März 1949 bestätigte das Oberste Militärgericht das Urteil. Bereits am nächsten Tag wurde von Kleist in Horgos an der jugoslawisch-ungarischen Grenze dem sowjetischen Generalleutnant Melkin Mikail Ilisch, Vertreter der Militärabteilung des MVD, und zwei weiteren sowjetischen Offizieren übergeben. Zugleich mit von Kleist wurde der General der Artillerie Maximilian d’Angelis, der am 11. Oktober 1948 in Belgrad zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war, den Sowjets ausgeliefert. Über diesen Vorgang besteht ein von den anwesenden sowjetischen und jugoslawischen Offizieren ausgefertigtes Protokoll, das Borba in Faksimile abdruckte. Die Auslieferung war zunächst von der Sowjetgesandtschaft in Belgrad ausgehandelt worden, fiel aber schließlich in die Kompetenz der Budapester Gesandtschaft, offenbar weil infolge des Konfliktes zwischen Tito und Stalin in Belgrad keine Verhandlungsmöglichkeiten mehr beistanden. Daher trägt das Protokoll auch die Unterschrift des damaligen Budapester Gesandten Puschkin, der heute Sowjetvertreter bei Pieck und Grotewohl ist. Was Tito veranlaßt hat, die Auslieferung trotz des schon ausgebrochenen Konfliktes durchzuführen, muß dahingestellt bleiben. Möglicherweise hoffte man in Belgrad damals noch, durch kleinere Gefälligkeiten Moskau milder stimmen zu können.

Seither hat man über Ewald von Kleist nichts mehr gehört. Der Gesundheitszustand des 69jährigen soll bereits im Belgrader Gefängnis infolge langer Haft und schlechter Behandlung sehr elend gewesen sein. Ein aus diesem Gefängnis entlassener Soldat berichtete, daß von Kleist schon im Oktober 1948 kaum mehr vernehmungsfähig war und Symptome geistiger Umnachtung gezeigt habe. Sicher ist jedenfalls, daß von Kleist sich nicht in Jugoslawien befindet und daler nicht Berater des Belgrader Generalstabs sein kann. Das aber gerade haben die Kominformblätter mit vielen frei erfundenen Details behauptet, obwohl sie bei der sowjetischen Geheimpolizei sich vom Gegenteil hätten überzeugen können. H. A.