Von Bernhard Skamper

Der Sportsmann und Sportschriftsteller Bernhard Skamper ist an der jüngsten Geschichte des Sportes in seiner Vaterstadt Köln eng beteiligt, in dieser Zeit, da Köln in bestimmten Sparten des deutschen Sportes führend war.

Mein eigenes Erinnern reicht zwar bis etliche Jahre vor 1914 zurück, aber der große sportliche Aufschwung in Deutschland kam doch erst nach dem ersten Weltkriege: Da suchten die Menschen auf einmal in großen Massen Erholung und Freude bei den Leibesübungen, und da schälten sich in Köln aus einer Vielzahl von Sporttreibenden die Spitzenkräfte heraus, die heute sozusagen als Pioniere der einheimischen Sportbewegung und ihres Vorstoßes in die deutsche Spitzenklasse und zu internationalen Ehren angesprochen werden.

Da war beispielsweise dieser Paul Oszmella. Ihm half der Radsportpräsident Heinrich Stevens mächtig in den Rennsattel, und er fand in dem bärenstarken, langen Jungen ein williges und begabtes Material für seine Pläne. Oszmella wurde bald der Liebling der Massen, und noch heute spricht man davon, wie jeden Sonntag in den frühesten Morgenstunden viele Tausende zur Aschenbahn in den Stadtwald pilgerten, um Oszmella fahren zu sehen. Der Radrennfahrer Oszmella wurde deutscher Amateurmeister, und sein Beispiel spornte zahlreiche junge Leute zu großen Taten auf der Rennmaschine an. Die meisten kamen aus derselben Stadtgegend wie Oszmella, genannt „der Lange“, der aus einer Seitenstraße des Eigelsteins stammte, die den schönen Namen: „Unter Krahnenbäumen“ trug. Die Kölner pflegen solch lange Worte gerne abzukürzen, und so hieß nicht nur die Straße, sondern später die ganze Gegend einfach „UKB“. Seit Oszmellas großen Tagen war Köln die Hochburg dies deutschen „Fliegersports“ und ihr Ruhm machte nicht an den deutschen Grenzen Halt. Denn nach dem Langen aus UKB kamen andere, die eine Tradition schufen und es noch viel weiter brachten als der lange Paul. Es kam Peter Steffens, der deutscher Meister wurde und Grand-Prix-Sieger in Paris, Kopenhagen und Amsterdam und schließlich Dritter in der Weltmeisterschaft; es kam Matthias Engel, der sie alle überragte und 1927 Weltmeister wurde, ihm folgte Albert Richter, den sie im Ausland den „deutschen Achtzylinder“ nannten und der sich ebenfalls die Weltmeisterschaft und viele Grand Prix holte. Und wieder in direkter Folge kam das Naturtalent Toni Merkens an die Reihe: Als Amateur deutscher und englischer Meister, Grand-Prix-Sieger von Paris, Kopenhagen, London, Amsterdam, Brüssel, dann Olympiasieger und Weltmeister! Hinter Merkens kam Jean Schorn als deutscher „Flieger“ -Meister und dann als bisher Letzter in der Reihe Willy Trost (der allerdings vor wenigen Wochen seinen Titel verlor) – es ist eine ununterbrochene Kette von 1924 bis 1950 in der Geschichte des Kölner „Fliegersports“.

Aber nicht nur „Flieger“ wurden im Radrennsport groß. Leute wie Paul Krewer und Franz Dederichs setzten die Tradition fort, die vor dem ersten Weltkriege ein Peter Günther als „Steher“ hinter dem Schrittmachermotor geschaffen hatte, und heute ist es Jean Schorn, der auf diesem Spezialgebiet der Langstrecken-Rennfahrer in der deutschen und internationalen Extraklasse mitzureden hat. Es kamen bedeutende Straßenfahrer wie Jean Rosellen und Jean Steingaß, wie Peter Rösen und Jupp Arents, und auch heute wieder sind tüchtige Jungens da, die unter den Giganten der Landstraße eine Rolle spielen, die Schulte, Schmidt, Ruland und viele begabte Amateure. Und es kamen Männer, die sich dem Fahren auf Winterbahnen widmeten und hier Ruhm und Ehre ernteten, die unvergeßlich große Sechstagemannschaft Rausch-Hürtgen (ihr widmete Kölns berühmter Karnevalist Willi Ostermann 1928, als sie das erste Kölner Sechstagerennen in der Rheinlandhalle gewannen, spontan den Vers: „Das war ein Spurt, das war ein Spürtchen – es lebe Rausch, es lebe Hürtgen!“) Und es kam die Mannschaft Zims-Küster, Sieger in vielen Mannschaftsrennen und Spezialisten für jene Ausschnitte aus den Sechstagen, die unter dem Titel „Die Nacht“ abrollten.

Etwa zur gleichen Zeit, da der Radsport in Köln begann groß zu werden, blühte auch der Boxsport in der Domstadt mächtig auf. Es war ein englischer Offizier, der die ersten Lektionen erteilte, und bald sah man die Schüler von Jack Slim eifrig am Werk. Allerdings hinter verschlossenen Türen, denn damals – ich spreche jetzt von den Uranfängen um das Jahr 1910 – war das Boxen noch polizeilich verboten. Wir Jungen in der Aachener Straße, ich wohnte gleich neben den Colonia-Sälen, waren natürlich mächtig interessiert. Und wenn der SC Colonia dort eine Veranstaltung hatte, zahlten wir 30 Pfennige, wurden für die Dauer des Boxprogramms Mitglieder des Vereins und begeisterten uns an dem, was Ludwig Neecke, Lambert Fischer, Heinrich Lott, Gerd Mügge, der Neger Ben Hawkins und viele andere dort leisteten. Nach dem ersten Kriege erschien Mr. Slim wieder und lehrte die Kölner den englischen Stil „lang links“ boxen.

Die ersten deutschen Meisterschaften kamen in die Stadt, bei den Amateuren durch Hein Domgörgen und Fritz Ensel, wie bei den Professionals durch Urban Graß und Theo Beyerling. Aber erst als dieser Domgörgen auch zum Berufssport überging, begann die ganz große Zeit. Der schwarzhaarige schlanke Boxkünstler wirkte wie der Herold einer neuen Zeit. Er fegte die bis dahin herrschende Garde der Berliner Mittelgewichtsmeister einfach fort, ihm eiferten viele nach, und sein Boxstil, der nicht mehr auf Schlaggewalt allein begründet war, befruchtete allmählich den gesamten deutschen Boxsport. Er befruchtete natürlich in erster Linie die Kölner Amateure, und weil es hier auch einen Lehrmeister von unerreichten Graden gab, hervorgegangen aus der Schule Slim, stieg der SC Colonia 06 zu einer souverän herrschenden Stellung empor. Von seinen Methoden und von seinem Aufstieg probierten auch die anderen Vereine in Köln, die das Boxen pflegten. Man kann nicht alle die Namen nennen, die im Laufe der Jahre Klang bekamen, es genügt zu sagen, daß „die Colonia“, wie der Klub im Volksmunde heißt, sechsmal die deutsche Mannschaftsmeisterschaft gewann, Zahllose deutsche Einzelmeister stellte und das große Reservoir wurde, das auch dem Berufsboxer! immer wieder frisches Blut zuführte. 1927 stellte die Colonia allein drei Amateur-Europameister: Franz Dübbers, Jakob Domgörgen (Neffe des Kein) und Hein Müller. Und Europameister bei den Professionals wurden auch Hein Domgörgen und später der Schwergewichtler Hein Müller, Europameister der Amateure und der Berufsboxer wurde auch Jupp Besselmann. Es ist nicht verwunderlich, daß mancher kommende Mann van auswärts sein Trainingsquartier in Köln aufschlug und sich hier den Schliff zu großen Erfolgen holte. Max Schmeling begann in Köln und erzielte hier seine ersten Erfolge. Jean Kreitz kam aus Aachen und Gustav Eder aus Dortmund, ansässig wurden auch die Stuttgarter Adolf Seybold und Ernst Gühring, mitten unter ihnen lebte und boxte der großartige kanadische Mulatte Larry Gains, und so stand Köln als Zentrum des deutschen Boxsports viele Jahre lang in höchster Blüte Daß auch der aus einem Dörfden bei Bonn stammende Adolf Heuser in Köln begann und die höchsten Ehren hereinbrachte, darf natürlich nicht vergessen werden. Die Colonia hatte den völlig Unbekannten aus Verlegenheit bei einem Kampf in M.-Gladbach eingesetzt, und zwar gegen keinen Geringeren als den dänischen Olympiasieger im Halbschwergewicht, Thyge Petersen. Der Mann ohne Namen schlug den berühmten Gast in der 2. Runde schwer k. o., und in dieser Sekunde lief eine der strahlendsten Boxerkarrieren Europas an.