Von Hans Schmitt-Rost

Der echte Kölner kann nicht anders –: er muß witzig sein. Denn ihm hat Gott den Humor als einen schöpferischen Urquell geschenkt, der nie versiegt: als ein Mittel, ein unkölnisches Mittel, mit dem Leben fertig zu werden. Erst wem bewußt ist, daß wahre Welteinsicht, auch wenn sie lacht und lachen machen kann, auf tiefem Ernst, ja Religiosität beruht, der weiß, daß der witzige Kölner nicht identisch ist mit dem sprichwörtlichen "Bruder Lustig", einem Luftikus und unleidlichen Optimisten. Vielleicht ist dies der Grund, daß man in Köln – und offenbar nur in Köln – ein soziologisches und kulturgeschichtliches Panorama allein durch Witze aufzeichnen kann. Den ältesten, den sogenannten "Krätzchen", die sich im Munde der Leute lebendig erhalten haben, merkt man noch deutlich die volkstümliche Schnurre an, den überlieferten Schwank, die Abkunft aus alten reichsstädtischen Zeiten, die Stimmung aus Schänken und Handwerksstuben, das Biedermeierliche...

Ein Lehrling erzählt seinem Meister, ihm habe geträumt, er sei in eine Mistgrube, der Meister aber in ein Honigfaß gefallen. Der Meister (erzieherisch): "Du Lottboy, dat war och ding Glück, dat ich nit en de Mißkuhl gefalle bin!" Der Lehrling: "Meine Traum is noch nit zu End’, zum Schluß hat einer der andere avgeleck!" –

Typisch für jene Zeit der kleinen Lädchen und Handelsleute in der Stadt ist diese Geschichte: Jede Woche erhielt ein Kölner Bäcker zwei Pfund Butter, schön länglich geformt und in ein Kappesblatt gewickelt; die Bauersfrau vom Stadtrand brachte es selbst. Einmal wog der Bäcker nach, und wirklich, es fehlte fast ein halbes Pfund Butter daran. Darauf die zur Rede gestellte Bauersfrau: "Jo, leeve Här, ich nehme doch jede Woch’ von euch en Schwarzbrot von zwei Pfund mit nach Haus! Doheim aber haben wir kein Gewichtstein, und da helfe ich mir so, dat ich auf die ein Seit’ von der Waag’ euer zweipfündig Brot und auf die ander’ Seit dat Stück Botter lege." (Der echte Dialekt ist hier und im folgenden der Verständlichkeit halber stark verhochdeutscht worden.)

Für die halbverstellte Dumm-Pfiffigkeit eines bestimmten Typus, gewöhnlich "Tünnes" genannt, ist folgendes "Krätzchen" charakteristisch, dessen biedermeierliche Note nicht zu überhören ist: Tünnes hat im Rhein geangelt ohne Erlaubnisschein. Bei der Gerichtsverhandlung stellt er sich dumm. Er weiß von nichts Bösem. Der Richter: "Sie wollen also sagen, daß Sie bona fide gefischt haben?" Antwortet Tünnes: "Nä, mit Würm’!" – "Sie verstehen mich nicht, ich habe Sie gefragt, ob Sie in gutem Glauben gehandelt haben?" Da strahlt der Tünnes den Richter an: "Selbstverständlich! Im römischkatholische!" –

Der modernen Zeit näher mag jene andere Art von alten "kölschen Krätzchen" sein, in denen sich die kölnische Leidenschaft widerspiegelt, den anderen immer ein bißchen zum besten zu halten. Es ist dies ein dialektisches Vergnügen, reine Lust an der Schlagfertigkeit, abstrakte Freude an einem Dialog, eine Art kölnischen Denksports, leidenschaftlich in allen Stunden und zu jeder Tageszeit geübt, seit alters bis auf heute: Tünnes und Schäl arbeiten auf eher Baustelle. Ehe Tünnes einmal vor Feierabend weggeht, stellt er seine Schaufel (zu kölsch "Schopp") gut sichtbar hin und heftet einen Zettel daran mit den Worten: "Leeve Schäl, bring mir die Schopp mit. Ich han se vergesse! Dinge Tünnes." Am nächsten Morgen steht sie noch am alten Platz. Aber der Zettel hat einen Zusatz erhalten: "Leeve Tünnes! Dat kann ich mit! Ich hanse nit gesin (gesehen)! Dinge Schäl!" –

Seiner ganzen Wesensart nach ist dem Kölner eh schnodderiger Ton in der Seele zuwider. Er wehrt ihn, mit Sarkasmus ab und tat dies besonders, als die forschen Töne zur Musik der Gründerjahre gehörten: Um die Jahrhundertwende stand ein Gardeleutnant vor dem Kölner Dom, winkte einen Dienstmann herbei und schnarrte: "Was ist das für eine Kapelle?" Der sah ihn treuherzig-zweideutig an und sprach bedächtig: "Leeve Här, ich bin selvs voll!" –