Von Jan Molitor

Wir haben uns darüber unterhalten. In dem Gemüseladen am Eigelsteintor: die Frau Schmitz, die Frau Bosbach, Kalverkamps Marie, Witschs Franz und ich. Feststeht danach, daß die Agrippina ja spät geheiratet hat. Frau Schmitz hat mit vierundzwanzig geheiratet, die Agrippina mit dreiunddreißig.

Wenn die Agrippina eher geheiratet hätte, sagte Frau Schmitz, so hätte Köln sein Jubiläum früher feiern können, nicht erst im Jahre 1950. Doch komisch – sagte Frau Schmitz – so spät zu heiraten, nich? Und sah Kalverkamps Mariechen an: auch dreiunddreißig und noch immer, fröhlich-ledig. Da muß doch was passiert sein... "Püh", sagte Kalverkamps Mariechen, und Frau Bosbach gab den moralisierenden Geschichtsbetrachtungen der Frau Schmitz eine praktische Note: Wenn Agrippina mit achtundzwanzig. Jahren geheiratet hätt’, dann wär’ das Jubiläum auf das Jahr 1945 gefallen, und in noch jüngeren Jahren, in die Kriegszeit. "Un war hätten wir dann?" philosophierte Frau Bosbach.

Es war für Köln ein Glück, daß Agrippina so spät geheiratet hat. Und für Agrippina ein Glück, daß sie den Kaiser Claudius kriegte – "’ne großartige Partie", fand Frau Bosbach. Und Witschs Franz, der das Gespräch herausgefordert hatte, "grielächerte" in sich hinein. Er hatte frivol im Gemüseladen am Eigelsteintor gestöhnt: "Als widder e Jubiläum, un kein Mensch weiß, worum!" Da war er aber an die Richtigen gekommen!

"Dat" Agrippina war eine Landsmännin von Frau Schmitz, Frau Bosbach und vom Kalverkamps Mariechen. Sie war in Köln geboren, Anno 16, als Tochter von dem berühmten römischen Feldherrn Agrippa Germanicus, der extra an den Rhein gekommen war, die Germanen zu bekämpfen. Die Germanen wohnten auf der anderen Seit’ vom Rhein, in Deutz, das weiß man doch, das hat doch lang und breit in der Zeitung gestanden. Der Agrippa hatte die Tochter eines römischen Kaisers zur Frau, er hatte also Berömischen ("in Köln ,Klüngel‘ genannt", sagte Witschs Franz) und hat seine Tochter Agrippina wieder ’nem römischen Kaiser zur Frau gegeben. Und am Hochzeitstag im Jahre 49 sagt "dat" Agrippina zu ihrem Mann Claudius, nun müsse er aber auch ihren Geburtsort in den Rang einer Kolonie erheben. Und so geschah es Anno 50. Colonia Agrippinensis entstand und daraus Köln. Das also war vor 1900 Jahren, und in die neue Stadt strömten die römischen Veteranen aller möglichen Herkunft, Leute aus aller Welt, die ein schön’ Stück vom damaligen Globus gesehen hatten: Kaum geboren, war Köln eine Weltstadt ...

Witschs Franz, der die klassischen Vergleiche liebt, sagte, wie Athene fix und fertig aus dem Kopf des Zeus entsprang, so sei Köln aus dem schönen Haupte der Agrippina entsprungen, fix und fertig. Schönes Haupt? sagte Frau Schmitz. Wo die so spät geheiratet habe? "Lang noch dem irschten Plügg?" Und sie warf einen Blick auf Kalverkamps Mariechen und sagte, Agrippina sei – auch das habe in der Zeitung gestanden – ein "sittenloses Weib" gewesen. – "Die erste historische Kölner", sagte Witschs Franz, "flott und schön und mit einer liebenswert schlagfertigen Zunge."

Aber Kalverkamps Mariechen – mit all ihren dreiunddreißig – schön und straff, auch weise und fromm, das Ebenbild der frommen und auch ein wenig mondänen gotischen Madonna, die fast unversehrt in den Trümmern von St. Columba stehenblieb, sagte einfach: "Püh..."