Seit Ferdinand Avenarius, der "Kunstwart"-Herausgeber, der gute Geist der "Gründerjahre", der echte Dichter, sich dort niedergelassen, ist Kampen auf Sylt nicht ein Fischerdorf allein, sondern Künstlersiedlung. Dies blieb es auch, als es Badeort, ja auch, als es unfreiwilliger Dauersitz der Flüchtlinge wurde: die Note der Künstlerkolonie blieb stets gewahrt. Sie ist es, die – unaufdringlich, doch deutlich wirksam – eine Auswahl unter den Kampener Sommergästen trifft: Wer Repräsentation liebt, erholt sich in Westerland, der Hauptstadt der Insel. Wer die Idylle sucht, findet allenthalben auf Sylt seinen Platz. Aber nach Kampen gehen Leute, die jenes Laissez passer lieben, welches einem gewissen künstlerischen Lebensgefühl angemessen ist. Wobei hier nicht die Lässigkeit einer (längst verschollenen) Bohème, auch nicht die "abessinische" Unbekümmertheit eines Nacktbadestrands (die vielfach Anstoß erregt, aber noch mehr Gleichgültigkeit manifestiert hat) gemeint ist, sondern jene Freiheit, die man als das "Nichtvorhandensein eines gesellschaftlichen Zwanges" zu definieren pflegt. Verwunderlich zu hören, daß in dieser Sphäre ein bestimmtes Ding Anstoß erregte –: die Kupferkanne ...

Man kann ruhig noch darüber sprechen, denn der September ist bei einiger Gunst des Wetters die beste Zeit auf Sylt. Doch was die Kampener betrifft, sie denken über den September hinaus in die Zukunft, und soweit sie arbeitend und verdienend am Fremdenbetrieb beteiligt sind, argwöhnen sie, daß die Gäste manchen Groschen oder Taler in die "Kupferkanne" werfen, die ihrem Sparsäckel verlorengeht. Die "Kupferkanne" nämlich, einem Hünengrab benachbart, ist ein Künstlerlokal, das ein Bildhauer, ein Flüchtling, aus einem ehemaligen Luftschutzbunker zurechtgebaut hat. Avenarius hätte seine Freude daran gehabt, denn es herrscht darin zwar gemütliche Enge, doch ein unbeschwerter, wenn auch durchaus geziemlicher Ton, der Gesprächen über Gott und die Welt, über ernste Kunst und Komödien menschlicher Art günstig ist. Die Einheimischen aber, soweit sie nichts vom Avenariusschen Idealismus sich bewahrt haben, protestieren: die Gegend um dasHünengrab sei naturgeschützt. Man tanze nicht, wo ein Hüne schläft! Nun, mit dem Einschlafen der Natur, wird wohl auch die "Kupferkanne" einschlafen. Und sollte es sein, daß sie "dank" dem Protest in der kommenden Saison nicht wird erwachen dürfen, – so wird die "Kupferkanne" dann eine schöne Erinnerung sein für viele, viele, die bei schlechtem Wetter zwar draußen nicht baden, aber drinnen doch trinken, plaudern, tanzen konnten ... M