Von Erik Verg

Atomismus (griechisch: das "Unteilbare"), die in der modernen Physik und Chemie vorherrschende Auffassung der Körper, nach der dieselben aus voneinander getrennten Bestandteilen zusammengesetzt sind, die unzerstörbar, also auch absolut unteilbar sind, das heißt, daß keine physikalische oder chemische Kraft die Zerstörung derselben bewirken kann..."

Ich hatte in einem alten. Lexikon geblättert und ganz zufällig dieses Stichwort aufgeschlagen. Auf der Titelseite des Buches stand: "Meyers Großes Konversationslexikon, 1907". – Das sind jetzt 43 Jahre. Mein Vater war damals im besten Mannesalter, damals, "in der guten alten Zeit". Und wenn der Große Meyer meinte, daß man dem Atom weder chemisch noch physikalisch zuleibe rücken könne, dann muß es wirklich eine "gute" Zeit gewesen sein. Ich war neugierig geworden, was man denn damals noch alles "für wahr" gehalten habe, holte mir noch einen Großen Brockhaus (revidierte Jubiläumsausgabe von 1908) aus einem Antiquariat und – amüsierte mich köstlich bei einem Streifzug quer durch das Alphabet. Da stand zum Beispiel unter ‚Besatzungsrecht‘ –: "Nach der Reichsverfassung (Art. 63, Abs. 4) hat im ganzen Deutschen Reich, mit Ausnahme von Bayern, der Kaiser allein das Recht, die Garnisonen der Truppen zu bestimmen."

Der Buchstabe C machte schon Schwierigkeiten. Kein Wort über ‚Christlich Demokratische Union‘, ‚Clearing‘, ‚Coca-Cola‘ oder ‚Corned Beef.‘ Dafür aber groß und deutlich ‚Churchill‘ –: "Englischer Satiriker, wurde 1758 Prediger an der St. Johnskirche zu Westminster, verlor aber bald durch anstößigen Lebenswandel dieses Amt." Es war vor 43 Jahren wirklich eine "gute" Zeit, denn unter ‚Demontieren‘ (französisch sprich: mongt) verstand man nichts anderes als "vom Pferde absetzen, unberitten machen."

Das G erwies sich als langweiliger Buchstabe. Kein Gallup-Institut, keine Geopolitik, weder Gestapo noch Goebbels und keine Gottlosenbewegung, nicht einmal eine GPU.–Das waren Zeiten. Und für das nette Gesellschaftsspiel der modernen Politiker nur ein paar, allerdings ernüchternde, Worte: ‚Grenzverrückung‘ – "siehe Grenzfälschung", ‚Grenzverwirrung‘ – "siehe Eigentum", .Grenzzwang’ – "siehe Elastizität".

Dann machte ich die verblüffende Feststellung, daß Worte, die im Laufe der Zeit – vor allem innerhalb der letzten 43 Jahre – ihre Bedeutung oft gewechselt haben, jetzt wieder ihren damaligen Sinn bekommen. So ‚Imperialismus‘ –: "Bezeichnung für den politischen Zustand der Staaten, in denen, wie unter den römischen Kaisern, nicht das Gesetz, sondern die auf Militärmacht sich stürzende Willkür des Regenten herrscht." Verblüffend aktuell erscheint auch die Definition für ‚Kriegsgefangene‘ –: "Im Altertum wurden die Kriegsgefangenen getötet oder zu Sklaven gemacht. Bei unkultivierten Völkern besteht solcher Brauch noch heute."

Eigentlich hätte ich meine Lektüre nach dem Buchstaben N abbrechen können, denn die kürzeste aller Definitionen bewies deutlich, daß es mit dem "und wie wir es dann so herrlich weit gebracht" weder zu Goethes noch zu unserer Zeit allzuviel auf sich hat. ‚Neue Welt‘ –: "siehe Alte Welt!"