Leider wissen wir recht wenig über die wirklichen Netto-Verdienste, wie sie sich für die Industriearbeiterschaft ergeben. Die bei Lohnerhöhungswünschen vorgelegten Statistiken enthalten gewöhnlich nichts darüber, welche Beträge da zustande kommen, aus Sonntag- und Nachtschichten, Überstunden und Akkordzuschlägen. Bei einer Befragung westdeutscher Betriebe wurden uns (für männliche Arbeiter) monatliche Durchschnittsverdienste von 260, 330, 300 bis 350, 300 bis 310 DM genannt, wobei etwa ein Drittel der Belegschaften mit 325, 350, 400 und 410 DM nach Hause gehen kann, und Spitzenlöhne (Meisterlöhne) zwischen 650 und 750 DM – netto also – erreicht werden.

Es ist, einmal ganz abgesehen von solchen Spitzenverdiensten, doch wohl anzunehmen, daß überall da, wo sich in einer Familie mehrere Verdiener finden, auch bei Durchschnittslöhnen und -gehältern jetzt ein recht zufriedenstellender Lebensstandard gewährleistet wird. Anders läßt sich ja auch nicht erklären, wie (bei steigenden Spareinlagen) nach dem Sommerschlußverkauf, und nach der Welle der Hamsterkäufe, immer noch weiter gute Einzelhandelsumsätze der (sogenannten) "breitesten Käuferschichten" vorliegen können. Es muß also doch wohl gut verdient werden in sehr vielen Haushalten. Denn wenn auch viel Pump- und Vorschußwirtschaft mit unterläuft und der reguläre Abzahlungskredit stark beansprucht wird, so lassen sich diese guten Umsätze daraus allein wohl ebensowenig erklären, wie etwa aus der Mobilisierung jener gewiß nicht geringen Kaufkraftreserven aus dem Sparstrumpf.

Nun wird ja viel "auf Vorrat" gekauft, aus Sorge davor, daß die Waren knapp werden und die Preise merklich anziehen könnten. Was bei Zucker und Seife geschehen ist, kann morgen bei jeder anderen Ware passieren – so sagen die Hausfrauen. Und wenn ihnen erklärt wird, daß bei Zucker und Seife eben ganz besonders gelagerte Verhältnisse vorlagen, so fürchten sie, dies sei "das übliche Männergerede", auf einem echt männlichen Bequemlichkeitsoptimismus beruhend, und nicht mehr wert, als jede andere Art Propaganda. Aber der Einzelhandel meint es ehrlich, und er urteilt auch objektiv, wenn er feststellt: es ist gar nicht daran zu denken, daß die Preise nun etwa "fortlaufen" könnten, weil gewisse Grund- und Rohstoffe (wie etwa Getreide nach amtlicher Preisfestsetzung, Wolle, Häute, Kautschuk und einige Metalle vom "freien" Weltmarkt her) teurer geworden sind. Noch weniger berechtigt ist die Sorge, daß Gebrauchswaren oder Lebensmittel knapp oder "später noch knapper" werden könnten: selbst bei Zucker, erst recht bei Seife (man denke nur an Persil, das eben neu auf den Markt gekommen ist!) werden sich die Verhältnisse bald normalisieren. Schließlich braucht das kaufende Publikum nicht zu befürchten, daß billige Qualitäten nach und nach vom Markte verschwinden und durch teurere Ausfertigungen ersetzt werden. Denn Industrie und Handel können ihre Bestände nicht zurückhalten – für eine solche Spekulation großen Stils ist das Geld, auch bei ihnen, viel zu knapp.

Im einzelnen wurden vom Hamburger Einzelhandel folgende Feststellungen getroffen: Wollkleider sind jetzt etwas billiger als in der letzten Herbst- und Wintersaison, da große Abschlüsse (natürlich, wie üblich, zu Festpreisen) noch vor dem Anziehen der Rohwolle-Preise, also auf alter Preisbasis, gemacht wurden. Nur Wirkwaren kommen etwas teuerer zum Verkauf, sind aber, wie alle Textilwaren, reichlich vorhanden. Die Verteuerung von Häuten und Leder um 20 bis 30 v. H. wirkt sich in den Fabrikpreise! nur mit einem Bruchteil (5 bis 7 v. H.) aus, da die gute Beschäftigung die Kosten herabdrückt diese Preiserhöhungen werden fast überall von Einzelhandel aufzufangen sein, besonders weil bei den Lederwaren vielfach ein "Ausweichen" möglich sein wird.

Nun die problematischen Waren: Zucker ist knapp, weil "man" (ist das Finanz-, nicht das Ernährungsministerium verantwortlich; oder?! die Vorräte und die Einfuhren ohne zwingende Not zu stark hat absinken lassen. Einmachbedarf und Vorratskäufe (diese im Süden beginnend, an der Schweizer Grenze, und am stärksten ausgeprägt dann in den Ländern der US-Zone sowie in ländlichen Bezirken: Reaktion auf die vom Auslande zu uns hereingetragene Nervosität!) haben dann zur heutigen Knappheit geführt, die sich erst allmählich beheben wird, wenn die Importe kommen und Inlandszucker neuer Ernte geliefert wird. Seife hat, entsprechend der Rohstoff-Verteuerung, um etwa 10 v. H. (Konsumseife und Flocken bis 15 v. H.) im Preis angezogen – vom "normalen" Preis aus gerechnet; Schleuder- und Kampfpreise, wie sie als Folge schärfster Konkurrenz zu verzeichnen waren, gibt es nicht mehr; das Angebot ist mengenmäßg bereits wieder weitgehend normal.

Bekannt, auch hinsichtlich der Ursachen, sind die Preiserhöhungen für Mehl und alle sonstigen Getreideerzeugnisse sowie für Schweinefleisch, auch für Trockenfrüchte und Eier. Dagegen spricht "man" nicht davon, daß Obst, Gemüse, Käse und Hammelfleisch z. T. erheblich billiger geworden sind. – Unerschöpflich ist das Thema Brotpreis. So hieß es kürzlich, das "neue" Konsumbrot, das im Preise auf dem Vor-Julistand gehalten werden soll, sei "wenig gefragt" und habe "sich nicht recht eingeführt". Das muß ein Mißverständnis sein – entweder beim Verbraucher, oder aber bei den Bäckern. Denn das Konsumbrot soll ja keine "neue Einführung" sein, sondern die jeweils landesübliche Sorte Roggenbrot mit dem größten Absatz sollte, unter Einschränkung der Mehl- und Backlohnspanne, trotz Verteuerung des Inlandsroggens auf dem alten Preis gehalten werden, mit einem gewissen kalkulatorischen Ausgleich beim Absatz der "weißen Waren", also der aus Weizenmehl hergestellten Dinge. Diese – gedachte – Lösung ist gar nicht so schlecht. Aber irgendwer müßte sich um ihre Durchführung kümmern! E. T.