Die Öffentlichkeit hat bisher keine Notiz davon genommen, daß am 8. Juli 1950 Othmar Spann zweiundsiebzigjährig in der Abgeschiedenheit seines Hauses im Dorfe Neustift bei Schlaining im Burgenlande (Österreich) gestorben ist. Wer sich seines Namens überhaupt noch erinnerte, dachte wohl an das Buch vom "Wahren Staat" (1921), die Theorie eines ständisch gegliederten Staatswesens, die, alsbald lebhaft umstritten, den nationalsozialistischen Machthabern gründlich unerwünscht und Anlaß zu Verfolgung, in der Katastrophe von 1945 vollends unterging und auch heute schlecht in den Rahmen demokratischer Systeme passen würde.

Othmar Spann, aus einem Wiener Vorort gebürtig, studierte in Wien, Zürich und Bern und wurde 1903 mit einer Untersuchung über den Gesellschaftsbegriff in Tübingen summa cum laude Doktor der Staatswissenschaften. Dann arbeitete er in der Zentrale für private Fürsorge in Frankfurt am Main, habilitierte sich 1907 an der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn und wurde dort 1911 ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre. Nach dem Kriege, in dem er in Galizien schwer verwundet wurde, berief ihn 1919 die Universität Wien, an der er bis 1938 wirkte. In diesen Jahren wurde er einer der führenden Gelehrten seiner Fakultät und Mittelpunkt eines großen Kreises aus verschiedenen Lagern weit über Österreich hinaus und – wie Übersetzungen bis ins Chinesische und Japanische bezeugen – auch im nichtdeutschen Auslande. Dieser Kreis ersehnte in der Not der Zeit eine politische Erneuerung und glaubte in Othmar Spanns Lehre das Rüstzeug im Kampfe gegen die zerstörenden Auswüchse des Individualismus und Liberalismus, gegen den Marxismus und, nicht zuletzt, gegen die Gottlosigkeit der Zeit zu finden.

Mit der Verhaftung bereits in den ersten Tagen nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich begann für Othmar Spann eine Zeit schwerster Verfolgung fast bis zum tödlichen Ausgang. Dennoch versagte ihm auch das neue Österreich die akademische Wirksamkeit, da ihm die katholisch-konservative österreichische Volkspartei weder seine bedingungslos gesamtdeutsche Einstellung, noch seine Stellungnahme gegen den "christlichen Ständestaat" in Österreich zwischen 1933 und 1938 verzeihen konnte und ihre sozialistischen Koalitionsgenossen seinen Kampf gegen den Marxismus nicht vergessen hatten. Dabei war es ein kapitaler Irrtum der Politiker, Othmar Spann für einen der ihren zu halten. Sie erkannten nicht, daß dieser Gelehrte mit seiner lebhaften Sorge um die Erhaltung des sozialen Friedens ein Platoniker war, der im Entwurf einer idealen Gesellschaftsordnung Hinweise für das Erreichbare geben wollte. Tragik der Verkennung und Komik des Besserwissens – das Schicksal eines Denkers in dieser Zeit. O. v. M.