Man hat jüngst dem deutschen Theater nachgesagt, es fehle ihm die "Lust am dionysischen Jux". Wer das meinen konnte, sah gewiß die Aufführung von Joseph Kesselrings "Spitzenhäubchen und Arsenik im Hamburger Zimmer-Theater noch nicht; sonst hätte er seine trübsinnige Diagnose ein wenig aufgehellt. Das ist ein Stück, in dem sich die Vitalität des Theaters auf eine zugleich höchst verzwickte und schlagend einfache Art bezeugt: durch raffiniertes parodistisches Spielen mit allen Motiven des Dramas von heute – dem kriminalistischen, dem psychiatrischen, dem moralkritischen, dem religiös-"existentiellen" – und durch untrüglichen Sinn für die Freude des Zuschauers am unbelauschten Mitspielen. "Das ist ja, als wenn Strindberg die ‚Lustige Witwe‘ geschrieben hatte!" ruft verzweifelt der junge Theaterkritiker und Liebhaber, als er herausfindet, daß seine beiden erzfrommen alten Tanten nun schon dem zwölften Zimmerherrn durch Arsenik im Begrüßungsschluck Holunderwein den milden Gnadentod gegeben haben und daß sein Bruder Teddy, der sich für den Präsidenten Teddy Roosevelt hält und im Keller des Brooklyner Bürgerhauses Tag für Tag am Durchstich des Panamakanals arbeitet, dabei auch die Leichen der Zimmerherren zu vergaben hat. Eine Operette ohne Musik – Kesselring sagt es selbst. Eine Burleske, die die Präzision des Kriminalreißers, die Tiefbohrung der psychologischen Analyse, das Experimentieren mit der Frage nach Gut und Böse, die Verschiebung der Realitätsebenen durch Zerstörung der Illusion, also Edgar Wallace, Tennessee Williams, Eugen O’Neill, Thornton Wilder und noch vieles andere nicht etwa nur satirisch überspitzt, sondern bis in jenes Extrem vortreibt, wo aus der Umstülpung ins Unwirkliche der Schein des baren, schlichten Ernstes entsteht. Wenn Tante Abby in der Truhe, wo die toten, aus Menschlichkeit ermordeten Zimmerherren die Zeit bis zur zeremoniellen Beisetzung in der Kanalschleuse zu verbringen pflegen, ganz unerwartet (von ihr, aber nicht vom Publikum unerwartet) eine unbekannte Leiche findet (das Publikum weiß: das zwölfte Opfer des Neffen Jonathan, der aus purem Menschenhaß mordet) und harmlos fragt: "Wir kommt denn der da hinein?" – dann ist legitimster Anlaß zur Heiterkeit, weil hier einem Autor gelungen ist, sogar noch die tragische Ironie in komische aufzulösen. Ein sechsfach gebrochener Spiegel des amerikanischen Theaters von heute, das ein eminent europäisches Theater ist. Ein jahrelanger Serienerfolg daher gerade in Paris und London. Warum nicht auch in Deutschland? Es ist bisweilen zu lesen, das deutsche Theater sei keins ohne viele deutsche Autoren. Das ist aber, in der Zeit von Straßburg, merkwürdig autarkisch gedacht. Sind T. S. Eliot und Albert Camus, Arthur Miller und Jean Anouilh national begrenzte Dichter? Die Praxis beweist das genaue Gegenteil: sie gehören dem deutschen Theater an, wann und wo immer dieses sie angemessen darzustellen vermag. Die Kategorie der Überfremdung gilt hier nicht.

Die Hamburger Aufführung überwältigte durch simple Selbstverständlichkeit. Sie war, wie die blühende Heiterkeit der Zuschauer bewies, schlechthin richtig in ihrer sanften, alle Überdrehungen klüglich vermeidenden Nonchalance. Helmuth Gmelin filtriert in seiner Zimmerbühne ganz behutsam den Extrakt des heutigen Theaters. Auf Brillanz muß er verzichten. Die Substanz kommt desto mehr zur Erscheinung.

Christian E. Lewalter