Von Berthold Lammert

Vodlagsen hieß die Station, an der ich aussteigen sollte, gelegen in der sagenumwobenen Gegend von Hameln. Auch dieser Name weist auf eine germanische Tagungsstätte hin. Mein Ziel, das Herrenhaus des Gutes, sah ich gleich in der Nähe des Bahnhofs. Und die erste Begegnung mit dem Gut Voldagsen war ein sonnengebräuntes Mädchen, das sich in einem Garten damit zu beschäftigen schien, über hübsche Blüten weiße Papierhülsen zu stülpen. Auf meine Frage erhielt ich die frische und fröhliche Antwort: "Ach, ich bin nur dabei, meine Wicken zu kastrieren!" – ?? – Zur rechten Zeit fiel mir gerade noch ein, daß ich mich auf dem ehemaligen Besitz der Freiherren von Münchhausen befand. Und tatsächlich gab es noch eine ganze Reihe von Wundern zu erleben. Nur sind diese Wunder keine Lügengeschichten der Vergangenheit, sondern sehr reale Wunder unserer rationalistischen Zeit. Denn die Namen, die heute am Tor zum Gute Voldagsen zu lesen sind, wollen nicht recht zu dem des Abenteuerbarons passen. Dasteht nämlich: "Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung; Erwin-Baur-Institut".

Die eigentliche Heimat dieses wissenschaftlichen Zentrums der deutschen Pflanzenzucht ist Müncheberg in der Mark. Erwin Baur, geb. 1875 in Südbaden, zunächst Arzt, dann Vererbungsforscher, setzte die Arbeit eines ganzen Lebens daran, dieses Institut zu schaffen. 1928 war er am Ziel: in Müncheberg entstand das Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung. Baur selbst waren nur noch fünf Jahre an seiner Wirkungsstätte vergönnt. Er starb 1933. Unter seinem Nachfolger, Professor Wilhelm Rudorf, wurden Aufgaben und Anlagen von Müncheberg stark erweitert.

Züchter ist der Mensch von der Zeit an, als er den Stand des Nomaden und des Jägers aufgab und Ackerbauer wurde. Seit Jahrtausenden hat er von Pflanzen und Tieren die besten und stärksten ausgesucht, um sie fortzupflanzen. Durch solche andauernde Auslese sind im Laufe der Zeiten aus Wildpflanzen unsere Kulturpflanzen geworden. Aber die Züchtung durch bloße Auslese vollzieht sich sehr langsam. Dieser Weg ist mit ständigen Fehlschlägen gepflastert, weil wir der äußeren Erscheinung einer Pflanze oder eines Tieres nicht ansehen können, welche ihrer Eigenschaften sie auf ihre Nachkommen vererben. Denn wenn irgendwo, so gilt in der Züchtung das Wort, daß der Schein trügt. Die Kinder gleichen durchaus nicht den Eltern. Zwar entdeckte Gregor Mendel schon 1865 die fundamentalen Gesetzmäßigkeiten der Vererbung; aber man übersah ihn. Erst seit dem Jahre 1900 haben wir eine Wissenschaft der Vererbung, eine Genetik. Und das war nun das Anliegen Erwin Baurs: von nun an planmäßig, mit den Erkenntnissen der Genetik in der Hand, an die Züchtung heranzugehen.

Die erste große Züchtung auf genetischer Grundlage führte der schwedische Botaniker Nilsson-Ehle aus. Dieser eine Mann änderte die Handelsbilanz seines Landes. Als er 1949 starb, wurde angegeben, daß seine Züchtungen Schweden in jedem Jahre 80 Millionen Kronen einbringen! Er kreuzte den dem nördlichen Klima angepaßten winterfesten schwedischen Landweizen, der nur geringen Ertrag lieferte, mit dem reiche Ernten tragenden englischen Squarehead-Weizen, der den schwedischen Winter nicht vertragen konnte. Das Ergebnis war ein winterfester Weizen mit einem Mehrertrag von 40 v. H., der Schweden unabhängig machte von ausländischer Einfuhr.

Denn schon dies eine angeführte Beispiel zeigt die kaum zu überschätzende volkswirtschaftliche Bedeutung züchterischer Arbeit. Die Bewährungsprobe von Müncheberg wurde die Süßlupine. Die ursprünglich nur als Gründünger angebaute Lupine enthält viermal soviel Eiweiß wie unsere sonstigen Kulturpflanzen und dazu Fett. Sie könnte eine ideale Kraftnahrung sowohl für das Vieh wie für den Menschen sein, wenn sie genießbar wäre. Aber sie enthält Bitterstoffe, Alkaloide. Nun findet man, wenn auch sehr selten, in der Natur einzelne Vertreter einer Rasse der Lupine, einer Mutation, die bitterstofffrei ist, 1928 fand R. v. Sengbusch unter einer Million Lupinen fünf oder sechs davon. Er züchtete sie weiter, sie wurden die Stammeltern einer neuen Kulturpflanze, der Süßlupine. 1937 lieferte der Süßlupinenbau 75 000 t Eiweiß und 110 000 t Kohlehydrate und Fette im Werte von 30 Millionen Mank. Das ist der Ertrag, der sich mindestens jedes Jahr wiederholen wird.

Unsere Kulturpflanzen haben die robuste Widerstandsfähigkeit der Wildpflanzen verloren. Sie leiden an allen möglichen Krankheiten. Das Getreide ist von parasitären Pilzen befallen, die Meltau, Brand und Rost erzeugen. Unsere Äpfel leiden am Apfelschorf. Die Kraut- und Knollenfäule der Kartoffel, die 1916 unsere Ernte vernichtete und uns den Steckrübenwinter bescherte, ebenfalls erzeugt durch einen Pilz, verursacht einen jährlichen Schaden von 100 Millionen Mark. Der Weinbau gibt jährlich 80 Millionen für Schädlingsbekämpfung aus. So ist das. Ziel jeder Züchtung einmal Klimafestigkeit, und als zweites Resistenz gegen Schädlingsbefall und Krankheit. In jedem Frühjahr geben wir große Summen für das erste teure Frühgemüse und Frühobst aus, das aus dem Ausland importiert wild. Also müssen wir Sorten züchten, die 14 Tage eher reifen als die bisherigen. So können durch planmäßige Züchtung Hunderte von Millionen Mark an Volkskapital gewonnen werden.