Wieder einmal ist in Finnland eine Streiklawine in Bewegung geraten. Sie wächst von Tag zu Tag und umfaßt jetzt schon 100 000 Arbeiter; die Gefahr, daß sie sich zu einem Generalstreik ausdehnt, ist nicht ausgeschlossen, vor allem dann, wenn die Regierung und die bürgerliche Reichstagsmehrheit die Lohnforderungen der Gewerkschaften ablehnen sollten.

Merkwürdigerweise wurde die Krise dieses Mal nicht von Seiten der Kommunisten, sondern von den Sozialdemokraten heraufbeschworen.

Welche Beweggründe sie dazu veranlaßt haben, ist schwer zu durchschauen. Zweifellos spielt der ewige Antagonismus zwischen Sozialdemokraten und Agrariern – die Regierungspartei – eine große Rolle; und dazu gehört auch die persönliche Rivalität zwischen dem jetzigen Ministerpräsidenten Kekkonen und dem früheren Premier Fagerholm.

Dr. Kekkonen hat es verstanden, einen für Finnland günstigen über fünf Jahre laufenden Handelsvertrag mit der Sowjetunion zustande zu bringen, eben jenen Vertrag, um dessen Zustandekommen sich Fagerholm monatelang bemüht hatte. Jetzt nun bietet sich Fagerholm eine Gelegenheit zur Revanche. Und er benutzt die Forderungen der Gewerkschaften zu einer Kraftprobe, um seinen Wählern seine eigene Stärke und die Schwäche der Regierung zu demonstrieren.

Vor welch schweren Aufgaben die Regierung steht, ersieht man daraus, daß eine Bewilligung der Lohnforderungen eine derartige Preiserhöhung zur Folge hätte, daß die Reparationsleistungen an die Sowjetunion fast unmöglich gemacht würden. Dadurch würde nicht nur die Inflationsgefahr wieder akut werden, sondern auch die Drohung eines sowjetischen Eingreifens.

Um dieser Lage Herr zu werden, wird von einer Auflösung des Reichstags und Neuwahlen im Herbst gesprochen. Bisher war Präsident Paasikivi ein Gegner dieses Auswegs, doch nach den letzten Informationen hat es den Anschein, als ob nun auch er nachgegeben hat. Dr. Kekkonen selbst nannte die Neuwahlen den einzigen Ausweg aus der Krise... Engdahl-Thygesen