Es kam in Genf vor, daß ich einem deutschen Landsmann klarmachen mußte, daß er mich in vaterländischer Gesinnung nicht zu belehren brauche. An einem 11. November, dem Waffenstillstandstag von 1918, war in einer Sitzung eine Minute des Schweigens zu Ehren aller Toten des Weltkrieges angesetzt. Deutsche Pressevertreter warfen unserer Delegation nationale Würdelosigkeit vor, als wir uns daran beteiligten, statt die Sitzung zu verlassen. Diese Stimmung übertrug sich auch auf (Berlin. Einmal mußte ich aus Anlaß des Todes von Briand in Genf am Ratstisch das deutsche Beileid improvisieren. Es gelang mir nur knapp, zwischen jener Richtung und einer internationalen Flegelei hindurchzusteuern.

Selbst der Reichspräsident Hindenburg war nicht ganz frei davon, uns Genfer • Vertretern Mangel an Haltung und an Mut nachzusagen. Gebilligt wurde die Richtung unserer Politik, nicht aber unsere Langmut. Die Geduld riß schließlich im deutschen Publikum, und man kann wohl behaupten, daß die deutsche Demokratie letztlich in Genf den Fangstoß erhalten hat.

Daran konnte auch nichts mehr ändern, daß schließlich, am 11. Dezember 1932, in einer Fünf-Mächte-Erklärung, an der ich mitzuwirken hatte – beteiligt waren Deutschland, USA., England, Frankreich und Italien –, den 1919 abgerüsteten Mächten wenigstens in der Theorie gleiches Recht auf Rüstung und auf Sicherheit zugebilligt wurde. Das war zugleich meine letzte Beteiligung an dem Genfer Geschäft. Die Fünf-Mächte-Erklärung war auf englisch verfaßt. Die französische Delegation hatte die Erklärung nur schmollend mitgemacht. Schon bei der Übersetzung ins Französische, versuchte sie den Inhalt zu ihren Gunsten zu korrigieren. Sie hat ihre Verwirklichung verhindert, als sie 1933 die alte Entente-Gruppe gegen das Dritte Reich wieder ausspielen konnte.

Im Grunde genommen war die französische These gar nicht falsch, die These nämlich, daß die Sicherheit, genauer genommen das Sicherheitsgefühl, der Abrüstung vorangehen müsse. Nachlassen der internationalen Rüstungskonkurrenz ist immer die natürliche Folge dieses Sicherheitsgefühls gewesen. Aber weshalb fehlte es an diesem Gefühl?

Was dachten sich denn Briand und auch Austin Ghamberlain, als sie mit Stresemann Versöhnungspolitik zu treiben anfingen? In den Völkerbundsaal hatte Briand gerufen:"Arrière les canons, arriere les mitrailleuses!" Daneben aber machte er sich lustig über die "calvinistischen Orgien" in Genf. Ob er glaubte, ohne sachliches