Großindustrielle wirken in der Politik meist im Hintergrund. Nicht so der aus der Ölindustrie kommende CDU-Politiker Dr. Walter Bartram: er wurde mit den Stimmen des Deutschen Wahlblocks (CDU, DP, FDP) und des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) und gegen die Stimmen der SPD zum Nachfolger des Ministerpräsidenten Dieckmann in Schleswig-Holstein gewählt. Eine Regierungserklärung hat Dr. Bartram vor dem Kieler Landtag bereits abgegeben.

Diese Erklärung ist interessant für die Situation, die eintritt, wenn eine nichtsozialistische Regierung das Erbe einer jahrelang amtierenden SPD-Regierung übernimmt. So hat der neue Ministerpräsident vorgeschlagen, die Boden- und Schulreform wieder zu ändern, und hat damit gleich in der ersten Erklärung die beiden Gesetze angegriffen, auf die die vorige Regierung besonders stolz war. Daß ein weiterer Punkt der Regierungserklärung die Lösung der Flüchtlingsfrage als "eines Problems von erstrangigem Gewicht" bezeichnet, weist nicht nur auf die besondere Stellung Schleswig-Holsteins in der Bundesrepublik hin (es hat die meisten Flüchtlinge aller westdeutschen Länder aufnehmen müssen), sondern zeigt auch deutlich, wie der CDU-Politiker Bartram überhaupt Ministerpräsident werden konnte: nämlich durch die Koalition des Wahlblocks mit dem Bund der Heimatvertriebenen Waldemar Krafts, der kurz nach der Regierungsbildung erklärt hatte, er hätte sich ja lieber mit der SPD zusammengetan.

Einen außenpolitischen Aspekt gewann die Kieler Erklärung Bartrams durch seine Einstellung zur Südschleswigfrage. Der immer noch anhaltenden dänischen Agitation im Grenzland (die freilich weder von der Kopenhagener Regierung noch von alliierter Seite gefördert wird; die Alliierten haben sich sogar unlängst geweigert, die dänischen Wünsche auf eine Änderung des bestehenden Zustandes überhaupt zur Kenntnis zu nehmen), dieser Agitation setzt Bartram die klare Forderung nach einem gutnachbarlichen Verhältnis zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark entgegen. Voraussetzung dafür ist natürlich, daß den Minderheiten auf beiden Seiten die gleichen Rechte und die gleichen Erleichterungen für den Grenzverkehr zugestanden werden (bis jetzt ist es für die Dänen immer noch leichter, ins deutsche Südschleswig zu fahren, als für die Deutschen ins dänische Nordschleswig). Endlich kündigte Dr. Bartram "drastische Sparmaßnahmen" an, die bei den Ministergehältern anfangen sollen – eine Forderung, bei der man den Einfluß des BHE wie beim Flüchtlingsproblem deutlich erkennen kann.

Alles in allem steht der heute 57jährige Ministerpräsident, der vorher in der Politik noch nie in Erscheinung trat, vor keiner leichten Aufgabe. Aber Bartram ist kein weicher Mann, sondern eher der Typ des fairen, sportlich eingestellten Geschäftsmannes größeren Formats, dem man zutrauen kann, daß er bei eventuellen Rückschlägen nicht mutlos wird. Er hat sich von 1947 bis heute das Kraftfutterwerk Aspe bei Nortorf aufgebaut, nachdem ihn die Engländer 1946 als Direktor von Thörls "Vereinigten Harburger Ölfabriken" fristlos entlassen hatten! Bartram hatte nämlich 25 Jahre dem Unilever-Konzern angehört, und das genügte, ihn in den Augen der Besatzungsmächte verdächtig zu machen. Damals trat Bartram, der in Neumünster wohnte und dort als Sohn des Schuhfabrikanten Theodor Bartram geboren ist, der CDU bei. Vorher hatte er schon zwei anderen Parteien angehört: bis 1933 der Deutschen Volkspartei und von 1937 bis 1945 der NSDAP. Bartram ist ein passionierter Reiter, der auch in internationalen Turnieren und in der deutschen Polomannschaft mitgeritten ist.

Die Stärke des neuen Ministerpräsidenten liegt auf wirtschaftlichem Gebiet. Er hat Volkswirtschaft in Freiburg, Kiel und Würzburg studiert, war schon von 1919 bis 1920 Prokurist bei den Lübecker Ölmühlen und von 1922 bis 1926 Direktor von Ölfabriken in Hamburg und Bremen. Man kann mit Recht annehmen, daß er die schwere wirtschaftliche Lage Schleswig-Holsteins richtig beurteilen und konstruktive Vorschläge zur Besserung machen wird. P. H.