Es war in einem kleinen Dorfe bei Fehrbellin, wo im April 1945 ein langer, langer Zug von KZ-Häftlingen eintraf. Von den Russen befreit, unterschieden sich diese Opfer des Faschismus sehr von vielen anderen: Arm und elendig, wie sie waren, halfen sie nach Kräften den armen Dorfbewohnern und erduldeten das neue Elend mit. Dies waren die „Zeugen Jehovas“, die Angehörigen jener Sekte, die trotz aller Freiheitsangebote jahrelang um ihres Glaubens willen in den KZ’s ausgehalten hatten. Etwa tausend waren von den Nazis hingerichtet worden, mehr als tausend in KZ’s und Gefängnissen gestorben. Moderne Märtyrer! Fünf Jahre vergingen, und wieder wurden fünfhundert verhaftet – nun durch die Behörden der Ostzone; ihre Sekte wurde verboten, dreihundert „Zeugen Jehovas“, die nach Westberlin geflohen waren, erklärten, sie würden in die Ostzone zurückkehren. Märtyrer auch heute!

Pieck wirft ihnen vor, die Unterschrift zum „Stockholmer Friedensdokument“ verweigert zu haben. Hitler hatten die 20 000 warnenden und protestierenden Telegramme gestört, die ihm von Mitgliedern dieser Sekte aus allen Ländern der Erde zugegangen waren: „Lassen Sie nicht ab von Ihren Verfolgungen, so wird Jehova selbst Sie vernichten!“ Doch was Pieck ebenso wie Hitler stört, ist die Tatsache, daß die „Zeugen Jehovas“ Kriegsdienstverweigerer sind.

Dem mystischen Gedanken an einen Tausendjährigen Gottesstaat hingegeben, den J. F. Rutherford in der millionenfach verbreiteten Broschüre „Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben“ aussprach, sehen die „Zeugen Jehovas“ das Ende der „Satansherrschaft“ und ein neues Paradies nahe und sind entschlossen, ihre Leiden für das kommende Glück zu tragen, 500 000 allein in Deutschland, wo diese ursprünglich amerikanische, von Charles Taze Russell gegründete Sekte nach dem Kriege große, wenn auch allgemein wenig beachtete Ausbreitung fand. (Ihre Zeitschrift „Wachtturm“ erscheint in 350 000 Exemplaren.) Pieck aber beachtet sie und sperrt sie ein, weil ihn, den Verkünder des „Arbeiterparadies“, die Verkünder des Gottesreiches stören. M.