Von den lauen Christen sagt schon die Bibel, daß sie ein größeres Ärgernis seien als die Sünder. Aber das Abendland steckt augenblicklich voll lauer Christen, die zwar im Christentum den letzten Widerstand gegen den Bolschewismus sehen, sich aber persönlich nicht nach dieser Einsicht richten. Deshalb hat zumal die katholische Kirche geradezu ein Trommelfeuer gegen die Lauen in ihren eigenen Reihen eröffnet, aber – wie es bei einem solchen Angriff meistens geschieht: er traf nicht nur die Schwachen, sondern auch manche Starken im Glauben, die der katholischen Religion in den letzten Jahren zu jener Modernität verholfen haben, die in den verschiedenen Zeitepochen immer ihre Stärke war. – Die Verkündung des Dogmas von der Himmelfahrt Maria vor wenigen Wochen war eine klare Absage Roms an alle, die annahmen, die Einigung der Christenheit könne anders erreicht werden als dadurch, daß alle Nichtkatholiken katholisch würden.

Die Intensivierung der eigenen Reihen wurde deutlich erkennbar auf dem deutschen Katholikentag in Passau. Schon das Motto "Zuerst das Reich Gottes" weist darauf hin – mehr aber noch die Botschaft des Papstes und die Eröffnungsrede des Passauer Bischofs. Der Kampf gegen den "Materialismus" wurde allen Katholiken ans Herz gelegt, wobei eine genaue Definition dessen, was Materialismus meint, wahrscheinlich sehr umfangreich ausfallen würde. Bezeichnend ist, daß ein Mann wie der bayrische Kultusminister Hundhammer, dessen Katholizität, zumindest für alle Nichtkatholiken, eine gewisse starre Unduldsamkeit verrät, in Passau eine Rede über das "Altarsakrament" halten durfte, in der er die bewußte katholische Einstellung jedes Menschen in seinem Leben und in seinem Amte verlangte. (Auf den weltoffenen Katholikentagen der Jahre zuvor, in Bochum und Mainz nämlich, hätte ein solcher Hundhammer störend gewirkt.) Welche Gefahr diese Forderung für die Allgemeinheit birgt, tritt ja gerade bei den Handlungen des bayrischen Kultusministers zutage, wobei er selbst es war, der wiederum auf die "Abraxas"-Affäre, den Skandal fall der Münchner Oper, zu sprechen kam.

Eine konzessionslose Gesinnung ist für die katholische Kirche, die das geschlossenste und machtvollste Bollwerk gegen den Bolschewismus darstellt, ohne Zweifel richtige Aber es ist die Frage, ob die Besinnung, die jetzt begonnen hat, nicht vielmehr eine an manchen Stellen durch Angst und Konjunktur begünstigte Verkürzung des echten Wesens des Katholischen ist. Vergesse man doch nicht, daß eine große Zeit der katholischen Kirche das Mittelalter war, in der sich die Theologen bekämpften und nicht, wie bei der Abstimmung über das Dogma der Himmelfahrt Maria fast "einstimmig" dafür waren. Auch in der Summa theologica des Thomas – auf ihn, den doctor ecclesiae, berief sich die letzte Enzyklika des Papstes – ist nicht alles Katholische ausgesagt – schon von Vielem der Augustinischen Confessiones hat er nichts mehr gewußt. Ist die augenblickliche Intensivierung wirklich eine Verkürzung, so dürfte sie sich auf die Dauer als ein modernes Ärgernis erweisen – ein Ärgernis, hervorgerufen durch den Ungeist der Intoleranz.

P. H.