Politiker aller Nationen hielten in Genf Reden, die sie speziell in ihren heimatlichen Zeitungen abgedruckt haben wollten. Sie suchten so wie Benesch ihre in der Heimat unsichere Position durch ihre angebliche Unentbehrlichkeit im Völkerbund zu stärken. Sowjetrussische Vertreter auf der Genfer Abrüstungskonferenz machten doktrinäre Propaganda. Ungeniert verwiesen die Amerikaner im Sommer 1932 während derselben Konferenz auf die politische Immobilisierung der USA durch die bevorstehende Präsidentenwahl, Japanische Diplomaten bezogen häufig schroffe Positionen, die ihrer eigenen Überzeugung widersprachen und die nur durch die japanische Innenpolitik erklärbar waren. Außenpolitik in Reinkultur gibt es eben nicht.

Mit Beherrschung der Materie und als gewissenhafter Advokat führte Dr. Curtius als Nachfolger Stresemanns die deutsche Sache. Er ging sparsamer mit unserem wirtschaftlichen und politischen Kapital um und war minder großzügig. In Genf fühlte er sich nicht recht wohl. Er war der Minister der Rheinlandräumung, wurde aber seiner Ministerschaft nicht froh.

Am sichersten auf dem schmalen Pfad zwischen deutschen Bedürfnissen und ausländischem Widerstand bewegte sich ohne Zweifel Dr. Brüning als Kanzler und zugleich als Außenminister. In seiner zähen und doch verbindlichen, asketischen und doch weitherzigen Art gewann er im internationalen Kreis Vertrauen. Hinter seinem unbeweglichen Gesicht auf einer schmächtigen Gestalt verbarg sich tiefe Vaterlandsliebe. Woran es ihm etwas mangelte, war Gebrauch der Ellenbogen. Auf die Dauer hätte er sich nur halten können, wenn das Ausland ihm williger entgegengekommen wäre. Die rechtzeitige Aufnahme der Weimarer Republik in den Kreis der gleichberechtigten Nationen hätte Hitler um 50 Prozent seines Propagandastoffs beraubt. In Paris schien man dafür keinen Sinn zu haben. Im Auswärtigen Amt wurde das Ausscheiden Brünings sehr bedauert.

Ich war gerade in Genf, als Herr von Papen Reichskanzler wurde. Mein russischer Kollege Boris Stein sagte mir sofort: "Nun ist es mit der deutschrussischen Freundschaft zu Ende." Das Kabinett Papen nannte sich eine Regierung der nationalen Konzentration. Ein boshafter Pressemann verkündete dagegen in unserer Hotelhalle, wir hätten jetzt ein Kabinett der nationalen Konsternation, Die Russen sprachen alsbald völkerbündlich, sie redeten von Unteilbarkeit des Friedens und kollektiver Sicherheit. Es dauerte noch fünfviertel Jahre, und wir waren aus dem Völkerbund ausgeschieden.

Jedermann hatte sich nach dem Schrecken des ersten Weltkrieges gesagt, daß es so etwas nicht wieder geben dürfe. Streitschlichtung und Schiedsgericht, Abrüstung, Kriegsverbot, und Sanktionsdrohung, das alles stand auf dem Programm des Völkerbunds. Man betrieb moralische Abrüstung durch Ausmerzen des Wortes "Krieg" aus den Schulbüchern und durch Abschaffen von Bleisoldaten als Kinderspielzeug. "Organisation des Friedens" war eine ständige Zeitungsspalte. War der Friede denn eine Frage der Organisation? Krieg war das große Übel – war aber die Saat zum Krieg nicht das Primäre und darum das wirklich Gefährliche? An diese wagte sich niemand heran. Bestehende Verträge, gleichgültig ob gut, ob schlecht, die sollten bleiben. Ist es zu hart geurteilt, wenn ich sage, daß der Völkerbund an Unaufrichtigkeit gestorben ist?

Meine Erinnerung an den Völkerbund ist ziemlich bitter, und meine Kritik an ihm mag leidenschaftlich klingen. Ich will sie aber nicht vergessen und sie nicht unterdrücken. Aus ihr spricht ja nur die Enttäuschung, daß alle auf den spricht bund gesetzte Hoffnung daß alle an ihn gewandte Arbeit vergeblich war. Nicht etwa nur ein begrüßenswerter Fortschritt war verpaßt. ein aus dem Völkerbund emporgestiegene neue Gesinnung, wie sie die Familie der Nationen hätte beleben müssen, war verflüchtigt. Verstrichen war die entscheidende Frist zur Versöhnung alter gefährlicher Rivalitäten. Nun wechselte die Politik in Deutschland hinüber auf den Weg einer Politik herrschbaren nationalistischen Diktatur. Das war tief tragisch, denn was nun folgte, verdient war nicht mehr den Namen einer Außenpolitik.

Im Winter 1930/31 waren meine Frau und ich zur Erholung einige Tage in Buckow in der Mark Brandenburg. In einer nationalsozialistischen Parteiversammlung im dortigen Gasthof, der ersten, der wir begegneten, sprach der Redner vom Völkerbund und von den deutschen Delegierten. "Den ganzen Tag essen und trinken sie in den besten Hotels in Genf. Und wen schickt die Regierung dazu bin? Die Dümmsten, die sie finden kann." (Wird fortgesetzt)