Von Friedrich Ernst Meinecke

Mit über 500 000 Besuchern und mehr als 800 000 Übernachtungen in den letzten Jahren vor dem zweiten Weltkrieg stand Köln an führender Stelle im deutschen Fremdenverkehr; die 344 000 Fremden des Sommerhalbjahres 1937 wurden nur von Berlin mit 916 000, München mit 753 000 und Hamburg mit 493 000 Gästen übertroffen – im Ausländerfremdenverkehr jenes Sommers stand Köln mit einem Anteil von 39,8 v. H. sogar an der Spitze vor München mit 21,6 v. H., Berlin und Hamburg mit je 20,1 v. H.; Köln galt geradezu als die Stadt der Engländer in Deutschland.

Der Wiederanlauf des Fremdenverkehrs in Köln war dadurch besonders erschwert, daß fast sämtliche Beherbergungsbetriebe zerstört worden waren. Wenn Köln heute schon wieder in Hotels, Gasthäusern und Fremdenheimen über 2300 Betten – viele auch für den anspruchsvollen Ausländerverkehr – verfügt und damit fast 50 v. H. seines Vorkriegsstandes erreicht hat, so ist darin eine bedeutende Aufbauleistung des Beherbergungsgewerbes zu erblicken. Die Besucherzahl von 279 215 Fremden mit 446 431 Übernachtungen im Jahre 1949, dem ersten regulären Reisejahr der Nachkriegszeit, beweist, daß der Kölner Fremdenverkehr wieder im Kommen ist. Waren die Ausländer 1949 erst mit 8,7 v. H. beteiligt, so kann aus dem zunehmenden Anteil der ersten sechs Monate des Jahres 1950 geschlossen werden, daß Köln in steigendem Maße auch wieder in das Reiseprogramm ausländischer Gäste aufgenommen wird. Den Hauptanteil stellten 1949 naturgemäß die Angehörigen der benachbarten Benelux-Länder mit 38 v. H., denen die Gäste aus Großbritannien mit 14,6 v. H. und die Reisenden aus den USA mit 12 v. H. folgten. In den letzten Monaten hat sich das Bild insofern verschoben, als – ein Zeichen der Amerikaner-Reisen nach Europa – jetzt die Gäste aus Amerika zahlreicher sind als die aus England.

Der Kölner Fremdenverkehr hatte in früheren Jahren eine kulturelle und eine wirtschaftliche Komponente; vor dem Kriege rechnete man etwa 40 v. H. auf den Geschäfts- und 60 v. H. auf den Erholungs- und Vergnügungsverkehr. Es ist klar, daß es sich nach diesem Krieg zunächst fast nur um Zweckreiseverkehr handelte, der 1947 wohl 95 v. H. ausgemacht haben dürfte. Seit 1948 ist erfreulicherweise die Besichtigung der Stadt Köln und ihrer Sehenswürdigkeiten, insbesondere des Domes, wieder ein wichtiger Programmpunkt einer Deutschlandreise geworden. Das Domjubiläum von 1948, der Karneval 1949/1950 sowie gegenwärtig die 1900-Jahrfeier der Stadt haben viel dazu beigetragen, Köln wieder in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken.

Trotz starker Kriegsschäden hat Köln nämlich nach wie vor viele Aktiva einzusetzen. Geblieben ist die hervorragend günstige Lage am Schnittpunkt der Eisenbahnlinien und Straßen von Nord nach Süd und West nach Ost, geblieben ist die Lage am Rhein, der nicht nur die größte Wasserstraße Europas, sondern die klassische Reiseroute unseres Kontinents bedeutet. Der Kölner Hauptbahnhof ist heute schon wieder der verkehrsreichste Fernbahnhof Deutschlands geworden. Gerade in diesen Tagen wird Köln, das sich vor dem Kriege zum größten Flughafen Westdeutschlands entwickelt hatte, durch Aufnahme des Verkehrs nach dem 14 km vom Stadtzentrum entfernten Flugplatz Wahn auch wieder an den Luftverkehr angeschlossen.

Und die Stadt selbst? Gewiß sind zahlreiche unersetzliche Baudenkmäler in Trümmer gesunken, aber geblieben ist der Dom, das Wahrzeichen nicht nur Kölns, sondern Deutschlands in der ganzen Welt. Am Neumarkt zeigt St. Aposteln wieder die vielbewunderte Dreikonchenanlage der Ostseite, St. Severin, frühchristliche Kultstätte auf römischem Friedhof, wird in wenigen Wochen in neuer Schönheit erstehen. Auch in anderen Kirchen ist genug an Sehenswürdigkeiten verblieben. Und welch ungeheurer Reichtum an Kunstschätzen gerettet wurde, offenbarte die vor kurzem zu Ende gegangene Stadtgeschichtliche Ausstellung "Köln 1900 Jahre Stadt!", die über 250 000 Besucher verzeichnen konnte, ein erfreulicher Beweis dafür, daß Kunstwerke, wie einst, immer noch Anziehungskraft auszuüben vermögen. Unsere überseeischen Gäste kommen zu einem großen Teil zu uns, um das alte Deutschland kennenzulernen; Köln kann ihnen immer noch mehr von abendländischer Kultur zeigen als manche andere europäische Stadt außer Rom.

Kein Besucher unserer Stadt wird an den Zeichen unseres Wiederaufbaus vorübergehen wollen. Am rechten Rheinufer hat die Kölner Messe einen erfreulichen Aufschwung genommen; auf über 40 000 qm gedeckter Fläche finden neben der Frühjahrs- und der Herbstmesse Fachausstellungen statt, von denen wenigstens die 1. Bundesfachschau für das Hotel- und Gaststättengewerbe vom 29. September bis 8. Oktober 1950, die Große Gesundheitsausstellung vom 23. Juni bis 19. August 1951 und die ANUGA, Allgemeine Nahrungs- und Genußmittelausstellung, vom 29. September bis 7. Oktober 1951 genannt seien.