H. Badgastein, im September

Seit zu Beginn des vorigen Jahres zahlreiche Meldungen über "Uranlager im Gebiet der Hohen Tauern" – und zwar im Rathausberg bei Badgastein – erschienen, kamen die Gerüchte über dieses Vorkommen des heute interessantesten Elementes nicht mehr zum Verstummen. Man fand jedoch kein abbauwürdiges Uranlager, sonden eine unterirdische natürliche Sauna, und richtete in einem Stollen des alten Tauerngoldbergwerkes ein riesiges Radiuminhalatorium ein.

Im Rathausberg und am Naßfeld befinden sich heute stilliegende Bergwerksanlagen des alten Tauerngoldbergbaues, der infolge der wirtschaftlichen Situation nach dem ersten Weltkrieg aufgelassen wurde. Nachdem 1937 der Edron Trust, Lordon, gemeinsam mit der Gewerkschaft Rathausberg die Vorarbeiten für eine neue Ausbeutung der Goldlager begonnen hatte, wurde nach den März 1938 der Goldbergbau der Hohen Tätern von der "Preußischen Bergbau- und Hüten-AG.", Berlin, übernommen. Der Edron Trat trat von seinem Vertrag zurück. Die für die Reichswerke "Hermann Göring" arbeitende "Preußag" begann nun eine intensive Suche nach der Fortsetzung der Goldadern in der Tiefe der Berge. Oberhalb Böckstein in 1200 Meter Höhe wurde 1940 ein Suchstollen angeschlagen. Man hoffte, nicht nur Gold, sondern möglicherweise Molybdän, Wolfram und Ruthenium zu finden. Der Stollen wurde auf eine Gesamtlänge von 2500 Meter vorgetrieben. Gold oder sonstige Erze fand man zwar nicht, dafür aber wurde es unheimlich warm in dem Gang. Und es fiel auf, daß Metalle, beispielsweise Bohrer, fast sichtbar rasch oxydierten und über Nacht völlig verrosteten. Dazu eine angenehme Feststellung: Bergleute leiden ziemlich chronisch an rheumatischen Beschwerden. In diesem merkwürdigen Stollen wurden sie nicht nur binnen kurzer Zeit gesund, sondern es gab, trotz der hohen Luftfeuchtigkeit und der zu Katarrhen reizenden Arbeitsbedingungen, keine Erkältungskrankheiten. Diese Erscheinungen ließen die Vermutung aufkommen, daß durch die zahlreichen Querklüfte des Gesteins Radiumemanation in den Stollen aufsteigen könnte. Messungen bestätigten, daß die Luft im Stollen stark ionisiert, also radioaktiv und leitend ist.

Nach dem Kriegsende wurde 1946 das von einem Privatmann 1935 gegründete Forschungsinstitut Badgastein unter Leitung von Universitätsprofessor Scheminzky, Österreichs prominentestem Bäderfachmann, mit der Erforschung des "Wunderstollens" betraut. Prof. Fritsch, ein bekannter Wiener Geologe, kam mit Funkgeräten nach Gastein und "durchleuchtete" in langwierigen Versuchsreihen das Massiv des Rathausberges. Es konnte festgestellt werden, daß im Bereich der wärmsten Zone eine Materie von hoher elektrischer Leitfähigkeit vorhanden ist und daß es sich um Thermalwasser handeln muß. Die Ursache der abnormal hohen Temperatur war damit geklärt. Die folgenden radiologischen Untersuchungen zeigten dann, daß das Gestein des Stollens, wie die ganzen Zentralalpen, nur einen Urananteil von rund einem Tausendstel v. H. hat. Abbauwürdige Uranlager haben dagegen einen Erzgehalt von 10 bis 30 v. H.

Nun begann die medizinische Untersuchung. In einer der alten Bergbaubaracken entstand ein einfaches Ordinationszimmer und ein Duschraum. Dort werden alle Patienten vor der Einfahrt nochmals gründlich untersucht. Dann geht es mit der elektrischen Bahn in den höchst nüchtern aussehenden Stollen. 600 Meter vom Eingang ist die Temperatur bereits auf 26 Grad gestiegen. Die weitere Fahrt wird daher in Badebekleidung zurückgelegt. Im südlichen Querschlag sind auf einer Strecke von 150 Metern einfache Pritschen aufgestellt, auf denen die Patienten ihre Liegekur absolvieren. Stellenweise ist hier die Gebirgswand von einem Überzug bedeckt, der in der Dunkelheit infolge winziger Mengen kristallisierter Uranverbindungen in zauberhaft grüner Fluoreszenz schimmert.

Nachdem in den vergangenen Jahren die Heilungsversuche in diesem gigantischen Radiuminhalatorium und natürlichen Sauna noch ungeregelt und tastend erfolgten, ist nun im Badehospiz Gastein eine Außenstelle der Universitätsklinik Innsbruck mit 20 Betten errichtet worden. Zur Behandlung kommen schwere Fälle von Arthritis urica und Arthrosis deformans, schwere periphere Durchblutungsstörungen mit bisher negativem Behandlungsergebnis, chronische Nierenkrankheiten, endokrine Fettsucht, Rheuma, Hypertoniker und Gelähmte. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde Badgastein wurde in den letzten Monaten eine Zufahrtsstraße zum Stollen gebaut und eine regelmäßige Autobusverbindung vom Kurort her eingerichtet. Für die Zukunft bestehen Pläne, am Stolleneingang ein eigenes bestehen zu errichten, in dessen Erdgeschoß sich die Station der elektrischen Bahn befindet, die die Patienten direkt zu ihren Liegeplätzen im Stollen befördert.